HANNOVER – Anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung der PKS erklärt der Vorsitzende der DVJJ, Prof. Dr. Bernd-Rüdeger Sonnen, Hamburg:
„Die nun vorliegenden Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2002 geben keinen Anlass für Verschärfungen im Jugendstrafrecht – wie sie in den letzten Monaten verschiedentlich von den Bundesländern Hessen, Bayern und Baden-Württemberg gefordert wurden. Die Tatsache, dass der ganz überwiegende Teil der von Jugendlichen und Heranwachsenden begangenen Straftaten im Bereich der leichten und mittleren Kriminalität liegt, verdeutlich vielmehr eindringlich die Wichtigkeit unterstützender und sozial-pädagogisch ausgerichteter Maßnahmen im Jugendstrafrecht.“
Während die registrierten Straftaten insgesamt im vergangenen Jahr um 2,3% leicht gestiegen sind, ist die Anzahl der jugendlichen und heranwachsenden Straftäter leicht rückläufig.
Die aus den Bundesländern gemeldeten Angaben zur PKS erlauben für das Jahr 2002 zu folgenden Einschätzungen über die Entwicklung der Jugendkriminalität zu kommen:
Im vergangenen Jahr wurden 0,4% weniger Jugendliche und Heranwachsende als Tatverdächtige registriert als im Vorjahr. Insgesamt waren es 543.642. Der Anteil der jugendlichen und heranwachsenden Tatverdächtigen an den Tatverdächtigen insgesamt lag bei 12,8% bzw. bei 10,6%. Damit setzte sich der seit 10 Jahren kontinuierliche Rückgang weiter fort.
Weniger jugendliche und heranwachsende Tatverdächtige wurden vor allem in den Neuen Bundesländern und für die Deliktsbereiche Raub, Betrug, Sachbeschädigung, Verstöße gegen das Ausländer- und Asylrecht und Betäubungsmitteldelikte registriert. Insbesondere bei den Raubfällen ist die Zahl der 14- bis 20-jährigen Tatverdächtigen seit 1997 von 22.111 auf 18.475 erheblich zurückgegangen (-16,5%). Für die Sachbeschädigung wurden 1,4% weniger Tatverdächtige registriert als 2001.
Auch die Anzahl der wegen Betrugs verdächtigten Jugendlichen und Heranwachsenden ist im vergangenen Jahr leicht gesunken (-0,6%). Hinter den Betrugsfällen verbergen sich vor allem Fälle von Beförderungserschleichung. Der Anstieg ist vor allem auf die in den letzten Jahren stark ausgeweiteten Kontrollen in den öffentlichen Verkehrsmitteln und die schnellere Anzeigepraxis der Betreiber zurückzuführen. Zu berücksichtigen ist auch die Relation, dass rund 60% der Tatverdächtigen für die Beförderungserschleichung über 21 Jahre alt sind.
Zwar wurden bei den Körperverletzungsdelikten mehr Jugendliche und Heranwachsende als Tatverdächtige ermittelt und sowohl bei den qualifizierten Körperverletzungen wie auch bei der einfachen Körperverletzung statistisch der höchste Stand seit 1984 erreicht. Dunkelfelduntersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass der diesjährige Anstieg weniger auf eine tatsächliche Brutalisierung der Gesellschaft zurückzuführen ist, als vielmehr auf eine höhere Sensibilität der Gesellschaft gegenüber Gewaltanwendungen, so dass es vor allem zu einer Verschiebung zwischen Hellfeld und Dunkelfeld gekommen ist.
Nahezu unverändert ist die Anzahl der wegen Diebstahls verdächtigten Jugendlichen und Heranwachsenden. Absolut ist die Zahl um 0,5% gestiegen, umgerechnet auf die Bevölkerung jedoch um 0,2% zurückgegangen. Diebstahl ist nach wie vor das häufigste Delikt der Jugendkriminalität. Im Jahresquerschnitt wurden 38,3% der tatverdächtigen Jugendlichen und Heranwachsenden wegen Diebstahls, jeweils 13,2% wegen Sachbeschädigung und Betrugs registriert.
Bei den Verstößen gegen das BtmG wurde im letzten Jahr der langjährige Trend zunehmender Tatverdächtigenzahlen erstmals durchbrochen und ein Rückgang gemeldet. Entgegen der durchschnittlichen Verringerung um 2,3% sind im Saarland (+31,4%), Niedersachsen (+12,3%) und Schleswig-Holstein (+5%) erhebliche Anstiege zu verzeichnen.
Die Anzahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen im Alter von 14 bis (unter) 21 Jahre ist um 3,9% zurückgegangen. Insgesamt wurden 2002 107.380 nichtdeutsche tatverdächtige Jugendliche und Heranwachsende registriert.
Insgesamt ist bei der Interpretation der PKS Zurückhaltung angesagt:
- Die PKS kann nichts über die „tatsächliche“ Kriminalitätsentwicklung aussagen, sie kann nur Aussagen über das sog. Hellfeld machen. Sie bildet daher primär das Anzeigeverhalten der Bevölkerung und die Arbeit der Polizei ab.
- Beides – Anzeigeverhalten und polizeiliche Arbeitsweise – hat daher auch nachhaltigen Einfluss auf die Ergebnisse der PKS: Die Interpretation eines Geschehens als kriminell ist von herausragender Bedeutung: eine Rangelei unter Schülern oder eine Schützenfestschlägerei mag früher als sozialüblich angesehen worden sein, heute werden sie als Körperverletzung angesehen und Anzeige erstattet. Ausländer und ethnische Minderheiten sind einer stärkeren Kontrolldichte und höherer Aufmerksamkeit unterworfen. Bei den sog. Kontrolldelikten (insb. Btm-Verstöße, Schwarzfahren) hängt Anzahl der entdeckten Fälle vor allem von den Aktivitäten der Polizei ab.
- Die PKS gibt ausschließlich den polizeilichen Ermittlungsstand wieder. Sie besagt nichts darüber, wie die registrierten Fälle in der weiteren justiziellen Bearbeitung enden, also ob von der Staatsanwaltschaft eingestellt oder Anklage erhoben oder vom Gericht eingestellt, freigesprochen oder verurteilt wird. Die großen Steigerungsraten der letzen 15 Jahre spiegeln sich beispielsweise in der Verurteilten-Statistik nicht wieder.
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