Viele Politiker, Sprecher von Polizeigewerkschaften und Journalisten behaupten das und fordern deshalb eine Verschärfung des Jugendstrafrechts. Bereits ein erster Überblick zu den Zahlen der Polizeistatistik (PKS) weckt allerdings Zweifel an diesen Einschätzungen.
Nehmen wir als Ausgangspunkt der Betrachtung das Jahr 1993, das erste Jahr, zu dem eine gesamtdeutsche Statistik zur Verfügung steht. Gegen die Annahme einer wachsenden Brutalität der Jugendlichen spricht da zunächst die Tatsache, dass gerade ihre schwersten Gewalttaten, die vorsätzlichen Tötungsdelikte, im Verlauf der letzten 11 Jahre deutlich abgenommen haben. Auf 100.000 14- bis 18-Jährige wurden 1993 7,6 jugendliche Tatverdächtige von Mord- und Totschlagsdelikten registriert, 2004 waren es mit 4,7 um 38% weniger. Und dies, obwohl es der Polizei im Verlauf der 11 Jahre vor allem dank der DNA-Analysen gelungen ist, das Tataufdeckungsrisiko für Mord und Totschlag von 81,9% auf 96,1% zu erhöhen.
Auch zu den Raubdelikten zeichnen sich nach den Daten der PKS zumindest für die sieben Jahre seit 1997 eine ähnlich positive Tendenz ab. Trotz erneut steigender Aufklärungserfolge der Polizei ist die Zahl der Tatverdächtigen pro 100.000 Jugendliche um ein Fünftel zurückgegangen. Ein völlig anderes Bild ergibt sich allerdings zu den polizeilich registrierten Körperverletzungen, die mit Waffen, mit gefährlichen Gegenständen oder gemeinschaftlich begangen wurden. Pro 100.000 Jugendliche verzeichnet die Statistik im Jahr 2004 hier etwa doppelt so viel Tatverdächtige wie noch 11 Jahre zuvor (+105,6%). Aber wie kommt es zu dieser auf den ersten Blick widersprüchlichen Entwicklung? Warum stehen den sinkenden Raten von Tötungs- und Raubdelikten stark ansteigende Zahlen von gefährlichen Körperverletzungen gegenüber?
Eine erste Erklärung liefert hier die Dunkelfeldforschung. 1998 und 2005 hat das KFN in München, Stuttgart und Schwäbisch Gmünd jeweils einen repräsentativen Querschnitt von mehr als 6.000 Schülerinnen und Schülern 9. Klassen dazu befragt, ob sie im Vorjahr Opfer einer Gewalttat geworden sind oder selber derartige Delikte begangen haben. Danach ist zum Jahr 2004 in allen drei Städten im Vergleich zu 1997 sowohl das Opferrisiko als auch die Häufigkeit eigener Gewalttaten entgegen dem sich aus der PKS ergebenden Trend um 5 – 10% gesunken. Insbesondere haben auch die selbstberichteten Körperverletzungsdelikte um etwa ein Zehntel abgenommen. Raubdelikte sind sogar um ein Fünftel zurückgegangen. Als eine Erklärung für diese erfreuliche Entwicklung zeichnet sich ab, dass die Jugendlichen in den letzten Jahren erheblich seltener Opfer innerfamiliärer Gewalt geworden sind als noch in den 90-er Jahren. Außerdem sind insbesondere junge Migranten heute teilweise besser in das Schulsystem integriert. Und schließlich haben viele Kultusministerien und Schulen beachtliche Anstrengungen unternommen haben, gegen die Jugendgewalt eine Kultur des Hinschauens zu organisieren, Konfliktlotsen auszubilden und einzusetzen und dem Schuleschwänzen als einem Verstärkungsfaktor der Jugenddelinquenz entgegenzuwirken.
Im Hinblick auf die Diskrepanz zur PKS zeigt der Vergleich der Daten, dass die Anzeigebereitschaft der jugendlichen Opfer von Gewaltdelikten um etwa ein Siebtel zugenommen hat. Zudem sind die Schuldirektoren vieler Bundesländer in den letzten Jahren von ihren Kultusministerien dazu angehalten worden, Fälle von Jugendgewalt, die sich in der Schule ereignet haben, lückenlos zur Anzeige zu bringen. So verpflichtet der Erlass des Niedersächsischen Kultusministers vom 30.09.2003 die Schulleitungen des Landes dazu, unverzüglich die Polizei zu informieren, sobald sie Kenntnis davon erhalten, dass an ihrer Schule oder im unmittelbaren Zusammenhang mit der Schule eine Gewalttat oder eine andere schwere Straftat begangen worden ist. Als Beispiel nennt der Erlass Körperverletzungen, die mit Waffen, gefährlichen Werkzeugen oder gemeinschaftlich begangen wurden oder andere erhebliche Körperverletzungen. Dies hat die Zahl von Körperverletzungsdelikten unter Jugendlichen, die von der Polizei registriert werden, erheblich erhöht. Beide Faktoren stützen in Verbindung mit den Befunden der Dunkelfeldforschung die These, dass in den letzten 5 bis 10 Jahren nicht die Jugendgewalt angestiegen ist, sondern nur ihre in der PKS dokumentierte Sichtbarkeit.
Diese Interpretation wird nachhaltig durch einen im Mai 2005 vom Bundesverband der Unfallkassen vorgelegten Bericht zur „Gewalt an Schulen“ unterstützt. Seine Grundlagen sind die seit 1993 erfolgenden Meldungen über tätliche Auseinandersetzungen unter Schülern. Die Schulen sind in Deutschland gesetzlich verpflichtet, derartige Vorfälle immer dann den Schüler-Unfallversicherungen zu melden, wenn Schüler infolge der Gewalttat ärztlich behandelt werden mussten. Das Risiko einer unterlassenen Meldung können die Schulen nicht eingehen, weil daraus eine Schadenersatzpflicht erwachsen kann; die Meldungen stellen deshalb besonders verlässliche Längsschnitt-Daten zur Entwicklung der Gewalt an Schulen dar.
Der aktuelle Bericht zeigt zunächst, dass die Häufigkeit solcher „Raufunfälle mit erheblichen Verletzungsfolgen“ zwischen 1993 und 1997 weitgehend konstant geblieben ist. Für die folgenden sechs Jahre zeichnet sich dann jedoch ein deutlicher Rückgang ab. Wurden 1997 pro 1.000 versicherter Schülern noch 15,6 solcher Vorfälle registriert, waren es 2003 nur noch 11,3 (- 27,6%).
Die Unfallmeldungen erlauben darüber hinaus auch eine Aussage darüber, ob sich die Schwere der Verletzungen im Laufe der Zeit verändert hat. Als sicherster Indikator kann in dem Bericht der Unfallkassen die Häufigkeit solcher tätlicher Auseinandersetzungen unter Schülern gewertet werden, die mit Frakturen des Opfers oder Tatbeteiligter geendet haben. Erneut gelangen die Autoren der Studie zu dem Schluss, dass von einer Zunahme der Brutalität unter Schülern nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil: im Sechs-Jahres-Zeitraum von 1997 bis 2003 ging die Zahl der Körperverletzungen, die mit Frakturen einhergehen (z.B. Nasenbeinbrüche, Rippenbrüche, usw.) von 1,6 auf 1,0 pro 1.000 Schüler zurück. Durch diese Abnahme um 37,5% ist der Anteil der Raufunfälle mit Frakturen von 10,3% aller registrierten Vorfälle auf 8,8% zurückgegangen. Damit wird klar: Die schwere Gewalt unter Jugendlichen ist jedenfalls im Bereich der Schulen seit 1997 stark zurückgegangen.
Hinzu kommt: seit 1998 hat die insgesamt nach der PKS registrierte Kriminalität Jugendlicher leicht abgenommen. Und auch dieser Befund wird durch die Dunkelfeldbefragung in den drei süddeutschen Städten klar bestätigt.
Fazit: Nahezu alle zur Verfügung stehenden Indikatoren sprechen dafür, dass die Jugendgewalt in Deutschland seit 1997 generell zurückgegangen ist. Insbesondere sind hier zu beachten:
a. der schon 1991 einsetzende Rückgang der polizeilich registrierten Tötungsdelikte Jugendlicher;
b. die ebenfalls durch Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik für die Zeit seit 1997 belegte Abnahme der Raubdelikte Jugendlicher;
c. die Daten des Bundesverbandes der Unfallkassen, wonach seit 1997 ein deutlicher Rückgang solcher tätlicher Auseinandersetzungen unter Schülern zu beobachten ist, die eine ärztliche Behandlung erfordern;
d. die ersten Befunde der Schülerbefragung 2005, die für München, Stuttgart und Schwäbisch Gmünd im Vergleich zu der entsprechend durchgeführten Datenerhebung des Jahres 1998 niedrigere Opfer- und Täterraten der Jugendgewalt ergeben.
Die diesem Trend scheinbar widersprechenden Daten zum Anstieg der gefährlichen/schweren Körperverletzung Jugendlicher werden durch die oben dargestellten Erkenntnisse zur erhöhten Anzeigewahrscheinlichkeit solcher Delikte relativiert. Insgesamt betrachtet wird damit eines klar: Unsere Jugend ist weit besser als ihr Ruf. Wenn wir den positiven Trend der letzten 7 Jahre stabilisieren wollen, brauchen wir kein verschärftes Jugendstrafrecht, sondern eine Verstärkung der präventiven Faktoren, die schon bisher gut gewirkt haben: mehr Liebe, weniger Hiebe in den Familien; eine bessere Integration der sozialen Randgruppen in Kindergärten, Schulen und in beruflicher Ausbildung und sinnvolle Freizeitangebote.
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