Ergebnisse der Arbeitskreise 1 bis 8

AK 1: Strafvollzug I: Neue Gesetze - neue Perspektiven?
Referenten: Marius Fiedler, Prof. Dr. Heribert Ostendorf
Leitung: Hans-Jörg Albrecht
Ländergesetzgebung zum Jugendstrafvollzug: Analyse und Kritik
Feststellungen

1. Die Vorgaben der Bundesverfassungsgerichtsentscheidung betonen neben der durch Rechts- und Sozialstaatsprinzip geforderten gesetzlichen Grundlage des Jugendstrafvollzugs die besonderen Notwendigkeiten eines jugendgemäßen und resozialisierungsorientierten Umgangs mit Gefangenen des Jugendstrafvollzugs mit dem Ziel einer effektiven Durchsetzung.
2. Die Jugendstrafvollzugsgesetzgebung der Länder wird innerhalb des vom BVerfG geöffneten Zeitfensters zum Abschluss gebracht werden.
3. Insassen von Jugendstrafanstalten sind heterogen zusammengesetzt.
4. Im Jugendstrafvollzug findet sich eine Konzentration von Problemen, unter denen Gewalt, zerbrochene oder erst gar nicht entstandene Bindungen an die Gesellschaft, Ausfall von Selbstkontrolle, psychische und psychiatrische Belastungen und Drogenaffinität besondere Bedeutung haben.
5. Gefangene im Jugendstrafvollzug sind ganz überwiegend volljährig. Nur jeder 10. Gefangene ist jugendlich.
6. Die Jugendstrafgesetzgebung der Bundesländer folgt unterschiedlichen Modellen, die Unterschiede sichtbar werden lassen und im Allgemeinen wie im Besonderen problematische Elemente enthalten.
7. Freilich haben sich in den meisten bereits geltenden oder in Entwürfen vorliegenden Gesetzen weder ein manchmal befürchteter „Schäbigkeitswettbewerb“ noch ein Primat der Ökonomie in dem erwarteten Maße realisiert.
8. Die Jugendstrafvollzugsgesetzgebung konnte sich allerdings nicht aus dem Schatten einer Rechtspolitik lösen, die der Sicherheit hohen Stellenwert einräumt.

Kritik der allgemeinen Grundsätze der Ländergesetzgebung zum Jugendstrafvollzug
9. Als alleiniges Vollzugsziel sollte ein Jugendstrafvollzugsgesetz auf die nachhaltige Förderung von Fähigkeiten und Fertigkeiten junger straffälliger Menschen abstellen, deren erster Erwerb oder nachfolgende Verstärkung nach vorherrschender Auffassung Grundlagen für ein Leben ohne Straftaten zu schaffen vermag.
10. Neben der Schaffung optimaler Voraussetzungen für ein Leben ohne Straftaten kommt der Herstellung von Sicherheit als Ziel des Jugendstrafvollzugs keine eigenständige Bedeutung zu. Gesellschaftsschutz wird nicht durch Sicherungsvollzug, sondern allein durch eine resozialisierungsfreundliche Vollzugsgestaltung getragen.
11. Nur selbständige Jugendstrafanstalten können die besonderen Anforderungen an Resozialisierung und Reintegration junger Gefangener erfüllen. Die Zulassung von Teilanstalten in Erwachsenengefängnissen bedeutet auch einen Rückschritt gemessen an § 92 JGG.
12. Junge Gefangene sollten zur Mitarbeit am Vollzugsziel motiviert werden. Eine allgemeine Pflicht zur Mitwirkung am Ziel des Jugendstrafvollzugs eröffnet nicht akzeptable Risiken einer Durchsetzung mit disziplinarischen Mitteln sowie der Sanktionierung von Verstößen mit schwer kontrollierbarer Versagung von Vollzugslockerungen.
13. Eine stärkere Einbindung der Erziehungsberechtigten vor allem in die den Kernbereich der Elternrechte betreffenden Entscheidungen der Vollzugsplanung in Fragen der schulischen und beruflichen Ausbildung würde dem hohen Wert von Art. 6 GG entsprechen. Jedoch gilt dies nur für die noch nicht volljährigen Jugendstrafvollzugsinsassen. Erkennbar ist auch, dass nicht mit allen Erziehungsberechtigten eine Zusammenarbeit möglich ist.
14. Die effektive Durchsetzung gerichtlicher Entscheidungen zugunsten von Gefangenen ist in den Entwürfen und in den in Kraft getretenen Jugendstrafvollzugsgesetzen nicht aufgegriffen worden. Dies bleibt ein dringendes Anliegen.

Kritik besonderer Elemente in der Ländergesetzgebung zum Jugendstrafvollzug
15. Konkretisierungen von Diagnose und Therapie kommen in der vorliegenden Gesetzgebung zu kurz. Jedenfalls sollte die im baden-württembergischen Jugendstrafvollzugsgesetz enthaltene Formel, dass sich nämlich die Bestimmung der Probleme und Lösungen auf anerkannte und wissenschaftlich fundierte Methoden stützen muss, allgemeine Anerkennung und Verwendung finden.
16. Konkretisierung tut auch Not in der Regelung von Personalausstattung der Jugendstrafvollzugsanstalten, des Wohngruppenvollzugs (ihrer Bedeutung für das soziale Zusammenleben und Lernmöglichkeiten sowie des zuzuordnenden Personals) und der Haftraumgröße. Sicher zu stellen ist die Betreuung auch an Wochenenden.
17. Die begründbare Obergrenze für den Wohngruppenvollzug liegt bei 8-10 Personen, wobei der Wohngruppenvollzug entsprechend den für Sozialtherapie geltenden Mitarbeiterschlüsseln ausgestattet sein muss. Eine effektive Gestaltung des Wohngruppenvollzugs wird nur möglich sein, wenn jeweils ein Mitarbeiter des allgemeinen Vollzugsdienstes und ein Sozialarbeiter/Psychologe verantwortlich zugeordnet sind.
18. Erst eine Konkretisierung des Minimums an personellen und sachlichen Ressourcen entspricht den Anforderungen der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die für ein Jugendstrafvollzugsgesetz hinreichend genaue Vorgaben des Gesetzgebers für eine effektive Umsetzung der Resozialisierung verlangt.
19. Die Einzelunterbringung muss die Regel sein. Die Obergrenze zulässiger Mehrfachbelegung ist bei zwei Gefangenen anzusetzen. Solcher Konkretisierung kommen bislang nicht alle Entwürfe und Gesetze nach.
20. Das Tragen von eigener Kleidung sollte – wie teilweise in der Ländergesetzgebung zum Jugendstrafvollzug auch zu Recht vorgesehen – immer ermöglicht werden.
21. Bei Konflikten sind mediative Verfahren vorrangig einzusetzen. Die Einführung einer Vorstufe zu Disziplinarmaßnahmen in Form erzieherischer Maßnahmen ist nicht empfehlenswert. Sie führt zu „apokryphen“ Disziplinierungsmitteln, zum Verlust an Verfahrensfairness und zu einer unzulässigen Umdeutung von Rechtspositionen in Privilegien.
22. Die Erfahrung zeigt, dass Schusswaffen in Jugendstrafvollzugsanstalten nicht benötigt werden. Hieraus folgt die Anregung des Verzichts auf Schusswaffen im Jugendstrafvollzug. Dies kommt mit internationalen Vorgaben zur Deckung.
23. Ohne offenen Vollzug und Vollzugslockerungen kann das Vollzugsziel nicht erreicht werden.
24. Das gegenwärtige Arbeitsentgelt erreicht nicht den vom Bundesverfassungsgericht verlangten Schwellenwert resozialisierungsgeeigneter Anerkennung menschlicher Arbeit. Das Arbeitsentgelt muss deutlich erhöht werden. Kompensationsgeeignete nicht-monetäre Ansätze sind auszubauen.
25. Die Möglichkeit der Bildung von pfändungsfreiem Überbrückungsgeld sollte entgegen den meisten Entwürfen beibehalten werden.

AK 2: Strafvollzug II: Beitrag der Vollzugsgestaltung und Vollzugspraxis zur (Re-)Integration junger Gefangener
Referenten: Dr. Monica Steinhilper | Prof. Dr. Dieter Dölling | Dr. Wolfgang Stelly | Dr. Jürgen Thomas
Leitung: Dr. Joachim Walter
1. Auf Grund der guten Erfahrungen mit der Resozialisierung ist der offene Jugendstrafvollzug unverzichtbar und sollte weiter ausgebaut werden. Aus diesem Grund sollte die Einweisung in den offenen Vollzug insbesondere durch den Vollstreckungsplan geregelt werden.
2. Jugendvollzug ist Erziehungsvollzug; er darf in seinem Bemühen, zu fördern und zu fordern auch bei fehlender Mitarbeitsbereitschaft der Jugendlichen und Heranwachsenden nicht nachlassen.
3. Frühzeitige Entlassungsvorbereitung, die sich auch als Nachsorge über die Entlassung hinaus noch einige Monate fortsetzt, ist unabdingbar. Hierzu bedarf es auch Maßnahmen der Jugendhilfe und der Arbeits- und Sozialverwaltung. Diese sind daher frühzeitig in die Entlassungsplanung einzubeziehen. Die Verpflichtung der Jugendhilfe und der Arbeits- und Sozialverwaltung gegenüber entlassenen Jugendstrafgefangenen sind gesetzlich zu konkretisieren. Zum Beispiel durch eine Ergänzung des § 52 SGB VIII, durch die die Jugendhilfe verpflichtet wird, besonders sorgfältig zu prüfen, ob Jugendhilfemaßnahmen für entlassene Jugendstrafgefangene notwendig sind.
4. Jugendstrafvollzug in freien Formen wie er beispielsweise in Baden-Württemberg in den Chance-Projekten und in Niedersachsen im Projekt BASIS durchgeführt wird, ist als Ergänzung des herkömmlichen Jugendstrafvollzuges zu unterstützen.
5. Jugendstrafvollzug in freien Formen muss nicht in justizeigenen Einrichtungen stattfinden. Im Rahmen sog. Lockerungsweisungen kann die Teilnahme an Programmen freier Träger ermöglicht werden, um die besonderen pädagogischen Kompetenzen zu nutzen.
6. Jugendstrafvollzug in freien Formen sollte auch zum Zwecke der Entlassungsvorbereitung und der Überleitung in die Nachsorge eingesetzt werden.

AK 3: Professionalisierung in der Jugendkriminalrechtspflege
Referenten: Prof. Dr. Michael Dick | Prof. Dr. Bernd Maelicke
Leitung: OStA Klaus Breymann
Aufbruch zu einem verbesserten professionellen Handeln!
Um unseren Anspruch der sozialen Integration von straffällig gewordenen Jugendlichen zu erfüllen ist es unabdingbar, dass alle beteiligten Berufsgruppen der Jugendkriminalrechtspflege gemeinsam an ihrer professionellen Entwicklung arbeiten.
Dabei geht es um die Klärung von Aufgaben, Rollen und Verantwortlichkeiten entlang der gesamten Prozesskette.
Diese professionelle Entwicklung muss von vier Ansatzpunkten ausgehen:
- Führung und Management,
- regionale Netzwerkbildung,
- Feedback und Evaluation sowie
- persönliche Kompetenzentwicklung.
Die AG fordert schnellstmöglich die Einrichtung einer Jugendakademie für eine interdisziplinäre Weiterbildung aller beteiligten Berufsgruppen.
Klärung von Aufgaben, Rollen und Verantwortlichkeiten.

AK 4: Wer steuert, wer zahlt, wer ist verantwortlich: Kooperation Jugendhilfe & Justiz
Referenten: Prof. Dr. Thomas Trenczek | StA Michael Sommerfeld
Leitung: Olaf Emig
1. Die ambulanten Maßnahmen sind im JGG richtig verortet, denn es werden mit dem JGG andere Zwecke verfolgt als mit dem SGB VIII. Eine Straftat ist nicht per se ein Indikator für Erziehungsbedarf.
2. Die Erbringung von Arbeitsleistungen (Arbeitsweisung und -auflagen) können vom Hilfen- und Leistungsspektrum der Jugendhilfe umfasst sein. Ihr Zugang und ihre Ausgestaltung erfolgt auf der Grundlage der sozialrechtlichen Vorschriften. Sie gehen über eine rein technische Vermittlung hinaus und berücksichtigen die Lebenslage des Jugendlichen und jungen Erwachsenen angemessen. Ihre pädagogische Sinnhaftigkeit geht verloren, wenn sie die Spanne von 80 bis 120 Stunden übersteigen. Die Erbringung von Arbeitsleistungen bietet die große Chance einerseits für einen sonstigen Zugang der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zur Jugendhilfe und andererseits eine Zugang der Jugendhilfe zum Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
3. Sowohl JGG als auch SGB VIII setzen eine funktionierende Zusammenarbeit der beteiligten Professionen voraus. Diese Kooperation erfordert den persönlichen Kontakt und offene Kommunikation der beteiligten Professionen sowie den wechselseitigen Respekt vor der unterschiedlichen Fachlichkeit.
4. Die „eigentliche“ Arbeit der Jugendhilfe muss vor der Hauptverhandlung zu einem frühest möglichen Zeitpunkt (§ 52 Abs. 2 SGB VIII) erfolgen, damit aus der Kenntnis des Jugendlichen/Heranwachsenden und seiner sozialen Situation sinnvolle und angemessene Verfahren und Interventionen gewählt werden können.
5. Die Anwesenheit des JA/JGH in der Hauptverhandlung dient nicht dazu, die rechtliche Entscheidung revisionsfest zumachen (= Instrumentalisierung der Sozialarbeit); ihr Ziel und Zweck ist eine optimale Verfahrensgestaltung im Entscheidungsprozess von Justiz und Jugendhilfe sowie die im Einzelfall notwendige Betreuung der jungen Menschen zu gewährleisten (§ 52 Abs. 3 SGB VIII). Auch über die Hauptverhandlung hinaus ist die Zusammenarbeit aller Professionen erforderlich.
6. Die Teilnahme des JA/JGH darf nicht aus fiskalischen Gründen determiniert, sondern muss fachlich-inhaltlich bestimmt sein und ist nach § 52 Abs. 3 SGB VIII selbstverständlich.
Der Hinweis der Justiz auf die Notwendigkeit der Teilnahme des JA/JGH an der Hauptverhandlung ist keine Anordnung, sondern der Appell, dass die interdisziplinäre Unterstützung und Kommunikation aufgrund der Bedeutung des konkreten Einzelfalles für erforderlich gehalten wird.
7. Die Qualität und Verbindlichkeit der Kommunikation erfordert die spezifische Qualifikation auf allen Seiten - Jugendhilfe und Justiz - d.h. spezialisierte Fachkräfte in der Jugendhilfe und in der Justiz (§ 37 JGG).
8. Bei der Finanzierung ist anzuerkennen, dass es Fallkonstellation gibt, in denen die Jugendhilfe/Kommune über ihren sozialrechtlichen Kernbereich Finanzierungsverantwortung übernimmt. Die Lösung muss über den Finanzausgleich zwischen Land und Kommunen erreicht werden. Um aber über Finanzverantwortung diskutieren zu können, ist es notwendig, verlässliche Daten zur Verfügung zu haben.

AK 5: Jugend im 21. Jahrhundert
Referenten: Prof. Dr. Richard Münchmeier | Prof. Dr. Albert Scherr
1. Auszugehen ist von einem fundamentalen Strukturwandel der Jugendphase: Jugend stellt keine Schon- und Experimentierphase mehr dar, sondern einen krisenhaften Übergangsprozess, der sich bis zum Ende des dritten Lebensjahrzehnts erstreckt. Die Krisenhaftigkeit und Verlängerung der Jugendphase wird von der sozial- und erziehungswissenschaftlichen Forschung unstrittig diagnostiziert.
Daraus sind folgende Konsequenzen zu ziehen:
• Die Möglichkeiten des KJHG, Leistungen der Jugendhilfe bis zum 27. Lebensjahr zur Verfügung zu stellen, sind konsequent zu nutzen und dürfen nicht finanzpolitisch motivierten Leistungskürzungen geopfert werden.
• Auch die Rechtssetzung und Rechtsprechung muss sich von der unzeitgemäßen Annahmen verabschieden, dass die Jugendphase mit dem Erreichen der Volljährigkeit endet. Eine Debatte um eine Senkung der Strafmündigkeit ist folglich ebenso kontraproduktiv wie die Forderung nach einer Begrenzung der Anwendung des Jugendstrafrechts auf das 18. Lebensjahr. Erforderlich ist vielmehr eine Anhebung der Altersgrenzen, die für die Unterscheidung von Jugendlichen und Erwachsenen herangezogen werden.
2. Jugendliche sind von Prozessen der sozialen Ausgrenzung, Deklassierung und Prekarisierung betroffen. Dies gilt in besonderer Weise, aber nicht ausschließlich für Jugendliche mit einem geringen formalen Bildungsniveau. Von zentraler Bedeutung ist deshalb eine generalpräventiv ausgerichtete Gesellschafts-, Jugend- und Familienpolitik, die insbesondere darauf zielt, Lehrstellenmangel, Arbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung zu überwinden. Eine solche Politik kann nicht durch spezialpräventive Interventionen ersetzt werden, die an den Symptomen ansetzen. Unverzichtbar sind zudem eine schulische und außerschulische Bildung, die umfassend auf die Stärkung der persönlichen Kompetenzen von Jugendlichen zielt und die sich mit den Orientierungsproblemen Jugendlicher auseinandersetzt. Gegen wiederkehrende mediale und politische Beschwörungen einer vermeintlich zunehmenden Jugendkriminalität sind entdramatisierende Sichtweisen zu stärken.
3. Es gibt keine seriösen wissenschaftlichen Belege für die Annahme einer spezifischen und erhöhten Kriminalitätsbelastung von Nichtdeutschen und Migranten. Die Suche nach den Ursachen von „Ausländerkriminalität“ verstrickt sich in die Logik fremdenfeindlicher Vorurteile und Feindbilder. Erforderlich ist eine kritische Auseinandersetzung mit ethnischen und nationalen Stereotypen im medialen, politischen und im kriminologischen Diskurs.
4. Eine Sichtweise von Rechtsextremismus als Problematik rechtsextremer Gewalttäter greift zu kurz. Der gesellschaftliche Rückzug aus einer angemessenen Förderung aller Jugendlichen birgt die Gefahr des Fallenslassens in sich in sich und öffnet den Raum, den rechtsextreme Gruppierungen besetzen können.
Die Zuweisung der Zuständigkeit für das Problem Rechtsextremismus an die Jugendhilfe etabliert eine systematische Überforderung. Zwar sind erfolgreiche Interventionen, etwa durch Aussteigerprogramme und im Bereich der Jugendgerichtshilfe, durchaus möglich. Sie reichen aber nicht an die Größenordnung des Problems heran. Jugendhilfe darf folglich als Ersatz für erforderliche politische Maßnahmen beansprucht und instrumentalisiert werden.

AK 6: Jugendkriminalprävention
Referenten: Dr. Regine Drewniak | Prof. Dr. Roland Hefendehl | Norbert Seitz
Leitung: Dr. Wiebke Steffen
Der Begriff Jugendkriminalprävention wurde im Arbeitskreis 6 strittig diskutiert. Die Positionen reichten von der Ablehnung des Begriffs, bis zu einer präzisierten, an konkreten Maßnahmen orientierten Verwendung.
Angebote, die gemäß dem Auftrag der Jugendhilfe im SGB VIII dem Förderungsgedanken verpflichtet sind, sind keine kriminalpräventiven Angebote.
Von Jugendkriminalprävention darf erst dann gesprochen werden, wenn die Maßnahme objektiv begründbar eindeutig auf die Verhinderung, bzw. Minimierung von Kriminalität gerichtet ist.
Dieses Verständnis von Jugendkriminalprävention hat Konsequenzen für die Zusammenarbeit der Instanzen vor Ort. Um sicherzustellen, dass sich Aufgabenbereiche und Zuständigkeiten nicht unzulässig vermischen, sieht der Arbeitskreis 6 gemeinsamen Fort- und Weiterbildungsbedarf für alle Akteure, sowie ggf. einen Bedarf an genaueren gesetzlichen Regelungen.
Der Arbeitskreis 6 fordert nachdrücklich, eine junge Menschen wertschätzende Kultur des Aufwachsens zu fördern. Gefordert sind hierbei alle in diesem Bereich beauftragten Berufsgruppen, in der strikten Begrenzung ihrer jeweiligen gesetzlichen Aufträge zu agieren. Der Begriff der Jugendkriminalprävention ist in diesem Zusammenhang hinderlich und insofern fallen zu lassen.

AK 7: „Gute Mädchen kommen in den Himmel...“
Referenten: Renate Matt | Kirsten Bruhns
Leitung: Annelies Wiesner
1. Es sollen ausreichend ambulante und stationäre Angebote für straffällige Mädchen und junge Frauen zur Verfügung gestellt werden, unabhängig von quantitativem Umfang dieser Gruppe.
2. Um genderorientierte Maßnahmen in Prävention, Intervention und Resozialisierung zu verbreiten und weiterzuentwickeln, ist eine Genderforschung und Evaluation erforderlich.
3. Genderorientierte Sensibilisierung und Qualifizierung in allen Berufsgruppen, die sich mit Jugenddelinquenz, Erziehung und Bildung befassen.
4. Verstärkte Aufnahme von Genderorientierung in Netzwerken und Kooperationen.
5. Um Delinquenz vorzubeugen sollte eine genderorientierte Gewaltprävention in schulischen Lehrplänen verankert werden.

AK 8 : Heranwachsende – junge Erwachsene im (Jugend-)Strafrecht
Referenten: Prof. Dr. Christian Grafl | Armin Malär | Dr. Ineke Regina Pruin
Leitung: Prof. Dr. Hans-Joachim Plewig
1. Sachstand
a) In Deutschland ist die Regelung des § 105 JGG umstritten.
Teile der Politik wollen das Jugendstrafrecht verschärfen und die Option des § 105 JGG für sich in der Entwicklung begriffene junge Erwachsene (18-25jährige) abschaffen. Dies wird in der Fachdiskussion als nicht rational begründbar abgelehnt. Der Europarat hat 2003 die Schaffung flexibler Reaktionsmöglichkeiten im Strafrecht für junge Erwachsene unter 21 Jahren empfohlen. Das Jugendstrafrecht ist nicht „milder“, sondern fordert den Straftäter intensiver durch entsprechende Maßnahmen.
In der Fachdiskussion wird die sachlich nicht begründete regional unterschiedliche Anwendung kritisiert.
b) In der Schweiz gilt für die über 18-Jährigen grundsätzlich das Erwachsenenstrafrecht. Dieses kennt aber für die 18- bis 25-Jährigen einige Sonderbestimmungen, die sich an jugendrechtlichen Grundsätzen orientieren.
c) In Österreich gilt für junge Erwachsene (unter 21 Jahren) grundsätzlich das Erwachsenenstrafrecht, allerdings mit Sonderbestimmungen. Dies bedeutet für die Gruppe der 18-19jährigen eine erhebliche – kriminalpolitisch nicht erforderliche – Verschärfung gegenüber der alten Rechtslage. Im Hinblick auf die einschlägige Empfehlung des Europarats wird gefordert, für die gesamte Altersgruppe der 18-21jährigen die Anwendung des Jugendstrafrechts zu ermöglichen.

2. Thesen
Für ein einheitliches Sonderstrafrecht für junge Erwachsene (18-25 Jahre) nach jugendrechtlichen Grundsätzen sprechen:
a) Die Jugendphase hat sich erheblich verändert und ausgedehnt (längere Schulausbildung und Berufsfindung, längerer Verbleib in der Familie, spätere Familiengründung usw.). Der Sozialstaat ist verpflichtet, auf besondere Lebenslagen immer wieder aktuell (z. B. KJHG in D.) angemessen und flexibel zu reagieren („fördern“). Das variable Konzept des JGG, das die Besonderheiten des Jugendalters berücksichtigt, muss nun folgerichtig auf junge Erwachsene ausgedehnt werden.
b) Die Kriminologie (Forschung) belegt, dass die Argumente der „Ubiquität“ und „Episodenhaftigkeit“, die für eine Sonderbehandlung Minderjähriger im Strafrecht angeführt werden, heute auch im besonderen Maße für die Altersgruppe der Heranwachsenden und jungen Erwachsenen gelten.
c) Die Altersgruppe der 18-25jährigen ist geprägt von vielfältigen belastenden Lebenslagen (Familie, Freizeit, Ausbildung, Gesundheit, Kriminalisierung uvm.). Zudem zeichnet sie sich durch eine bessere Motivierbarkeit aus, jugendkriminalrechtliche Angebote und Fördermaßnahmen anzunehmen.
d) Das Sonderrecht für junge Erwachsene vermeidet schädigende Auswirkungen des Erwachsenenvollzugs („fallen lassen“). Differenzierte Angebote und qualifiziertes Personal erhöhen die Aussicht auf nachhaltig wirksame Wiedereingliederung. Dies ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll.

3. Perspektiven und Aufgaben
- Für die Zielgruppe der 18-25jährigen Straffälligen müssen „möglichst auf europäischer Ebene“ spezielle Behandlungskonzepte entwickelt werden.
- Die für entsprechende Behandlungskonzepte erforderlichen Investitionen zahlen sich langfristig aus.
- Parallel zur Einführung und Fortentwicklung der neuen Behandlungskonzepte ist eine begleitende Evaluation (Wirkungsforschung) unerlässlich.

Letzte Änderung dieser Seite: 
10.06.2013

+++ 4. Bundeskongress - "Flucht nach vorne" +++

Vom 19. bis 21.09.2018 findet der 4. Bundeskongress der Jugendhilfe im Strafverfahren und der ambulanten sozialpädagogischen Angebote für straffällig gewordene junge Menschen unter dem Titel "Flucht nach vorne" in Bad Kissingen statt. Nähere Informationen zum Inhalt und zur Anmeldung finden Sie hier.

27. JGT 2007

27. Jugendgerichtstage

Förderer

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und JugendBundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend