Vorträge in den Foren

V 1: Jugendstrafvollzug nach der Entscheidung des Bundesver-fassungsgerichts vom 31.05.2006: Eine (vorläufige) Bilanz
Das Bundesverfassungsgericht hat bekanntlich mit seiner Entscheidung vom 31.05.2006 den bisherigen Jugendstrafvollzug mangels einer speziellen gesetz-lichen Grundlage für verfassungswidrig erklärt. Gleichzeitig hat das Gericht inhaltliche Vorgaben für einen „am Ziel der Resozialisierung“ ausgerichteten Vollzug gemacht. Die Bundesländer haben daraufhin bis zum 01.01.2008 Ländergesetze zum Jugendstrafvollzug verabschiedet. Auf dem 27. Jugendgerichtstag in Freiburg 2007 wurde noch versucht, auf diese Gesetzgebung einzuwirken. Nunmehr soll eine erste Bilanz gezogen werden.
Zunächst wird die Gesetzeslage zusammenfassend referiert, wobei drei Bundesländer schon nach kurzer Zeit ihre Gesetze grundlegend verändert haben. Wo zeigen sich Übereinstimmungen, wo Differenzen? Es schließt sich der Versuch an, anhand der verfügbaren Daten die Vollzugspraxis darzustellen.
Auf dieser Grundlage erfolgt eine Bewertung und es werden Forderungen für die weitere Entwicklung erhoben. Schließlich hat das Bundesverfassungsgericht in seiner zitierten Entscheidung den Gesetzgeber im Sinne eines Bestenwettbewerbs „zur Beobachtung und nach Maßgabe der Beobachtungsergebnisse zur Nachbesserung“ verpflichtet.
Referent: Prof. Dr. Heribert Ostendorf, Christian-Albrechts-Universität Kiel

V 2: Kommunikation in fremden Lebenswelten. Die Sinus-Milieus – eine sozialwissenschaftliche Sehhilfe für Akteure im Arbeitsfeld Jugendkriminalrecht
Die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Milieuforschung belegen: Die Lebenswelten der Menschen in modernen Gesellschaften differieren immer stärker. Auch Akteure der Jugendkriminalrechtspflege spüren vielleicht diese Fremdheit: Ihre Wertorientierungen, Lebensstile, Formen und Inhalte der Kommunikation sind häufig anders als die der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, auf die sie in ihrem beruflichen Alltag treffen.
Im Zentrum des Vortrags steht das Modell sozialer Milieus des Instituts Sinus Sociovision, Heidelberg. Dieses Modell – vor mehr als 30 Jahren entwickelt und seitdem permanent fortgeschrieben – wird multimedial vorgestellt, in Form einer „virtuellen Deutschlandreise“. Die Reise durch die sozialen Milieus in Deutschland bietet Einblicke in vertraute und in fremde Welten: Man wird die eigene Lebenswelt entdecken, aber auch die unterschiedlichen Welten der Menschen, denen man in der Arbeit begegnet.
Auf dieser Grundlage werden im zweiten Teil des Vortrags Erkenntnisse für die berufliche Praxis formuliert. Das Lebensweltkonzept des Sinus-Instituts wird als Instrument zur Analyse der beruflichen Kommunikation genutzt: Wie lassen sich die „natürlichen“ Kommunikationsbarrieren mit Menschen aus anderen Lebenswelten erklären? Und wie kann man vor dem Hintergrund des eigenen Auftrags die kommunikativen Zugänge zu ihnen verbessern?
Referent: Thomas Becker, Caritas-Verband Soest

V 3: Verläufe und Entstehungsbedingungen von Jugenddelinquenz
Der Vortrag gibt einen Überblick über aktuelle und für die Praxis relevante Befunde aus der internationalen kriminologischen Lebenslaufforschung. Nach neueren Klassifikationsanalysen ist von sehr heterogenen Verläufen jugendlicher Dunkelfelddelinquenz auszugehen. Neben persistenten Intensivtätern spielen frühe Abbrecher und späte Starter eine bedeutende Rolle, was hergebrachte Gewissheiten bei der Prognose, Sanktionierung und Behandlung in Frage stellen könnte.
Hinsichtlich der Entstehungsbedingungen heben auch neuere Untersuchungen die Bedeutung (mikro-)sozialer Risiko- und Schutzfaktoren sowie die negativen Auswirkungen unangemessener justizieller Sanktionierungen hervor. Anhand einer Duisburger Langzeitstudie werden Verlaufspfade in die Konformität sowie die Gewaltdelinquenz untersucht. Diese entwickeln sich vor dem Hintergrund der Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Milieus über die Qualität der Bindungen zur Familie, Schule und Freundesgruppe und die Herausbildung delinquenter bzw. konformer Normorientierungen.
Referent: Prof. Dr. Klaus Boers, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

V 4: Das Jugendgerichtshilfeb@rometer – aktuelle Daten zur Jugendhilfe im Strafverfahren
Wie ist die Jugendgerichtshilfe/Jugendhilfe im Strafverfahren organisiert? In welche Richtung(en) entwickelt sie sich? Welche Probleme bestehen und welche Erfahrungen werden in der Kooperation mit der Justiz gemacht? Zu diesen Fragen gab es für das vielgestaltige Arbeitsfeld Jugendhilfe im Strafverfahren/Jugendgerichtshilfe seit längerer Zeit keine aktuellen empirischen Daten.
Dies war der Grund für die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention und das Projekt Jugendhilfe und sozialer Wandel am Deutschen Jugendinstitut, eine bundesweite Online-Befragung der Jugendgerichtshilfe zu starten. Im Sommer 2009 wurden 582 Organisationseinheiten angeschrieben. Bis Ende September 2009 hatten 385 Jugendgerichtshilfen den Fragebogen ausgefüllt. Dies ist ein erfreulich hoher Rücklauf, der nicht zuletzt auch die Akzeptanz des Fragebogens und das große Interesse der Fachpraxis an der Befragung dokumentiert.
Die Ergebnisse sind für Deutschland repräsentativ und werden mit Blick auf die aktuellen Fachdiskussionen entlang folgender thematischer Schwerpunkte vorgestellt:

  • Organisation der Jugendhilfe im Strafverfahren (Spezialisierung/Entspezialisierung, Sozialraumorientierung)
  • Personalsituation und -ausstattung (Fluktuation, Arbeitszufriedenheit, Überlastungsanzeigen)
  • Organisation der Kooperation mit anderen Institutionen und Einschät-zung der Kooperation mit den Jugendgerichten sowie Folgen des § 36a SGB VIII
  • Angebotsstruktur der Jugendgerichtshilfe/Jugendhilfe im Strafverfahren insbesondere für Jugendliche mit Migrationshintergrund

Referenten: Bernd Holthusen & Dr. Sabrina Hoops, Deutsches Jugendinstitut, München

V 5: Aktuelle Rechtsprechung im Jugendstrafrecht: Ein kommentierter Überblick
Der Vortrag gibt einen Überblick über die aktuelle Rechtsprechung im Jugendstrafrecht. Um Orientierung zu ermöglichen, werden aus der Fülle der einschlägigen Entscheidungen die wichtigsten ausgewählt und kommentiert. Darüber hinaus werden sie auf ihre Relevanz für die künftige Entwicklung des Jugendkriminalrechts geprüft. Wegen des aktuellen Bezugs können die Schwerpunkte des Vortrags noch nicht exakt bezeichnet werden. Dem materiellen Recht, insbesondere dem Recht der Sanktionen (einschließlich Straf-aussetzung zur Bewährung, Maßregeln) wird jedoch besondere Aufmerksamkeit gelten.
Referent: Prof. Dr. Frank Neubacher, Universität zu Köln

V 6: Psychische Auffälligkeiten bei straffälligen jungen Menschen
Werden junge Menschen (wiederholt bzw. massiv) straffällig, suchen Medien, Öffentlichkeit und Politiker verständlicherweise nach Ursachen, Schuldigen und Interventionsmöglichkeiten. Insbesondere bei schwerwiegenden Sexual- sowie Gewaltdelikten neigt man dazu, das komplexe Phänomen des straffälligen Verhaltens von jungen Menschen stark zu vereinfachen und populistisch auszunutzen. Sind diese Jugendlichen aber nun psychisch gestört, sind sie einfach „nur“ kriminell oder sogar beides?
Diesen Fragestellungen geht der Vortrag nach. Zunächst werden grundlegende Begriffe definiert und ein Überblick darüber gegeben, was aus fachlicher Sicht als psychisch auffällig zu bezeichnen ist. Weiter wird im Rahmen des Beitrages betrachtet, was eine psychische Störung ist und welche psychischen Störungen bei straffälligen Jugendlichen am häufigsten vorkommen. Insbesondere werden methodische, definitorische und diagnostische Probleme diskutiert, die in der Praxis besonders bedeutsam sind. Abschließend wird herausgearbeitet, wie man der Thematik im beruflichen Alltag mit jungen Straftätern begegnen kann. Dabei geht es einerseits um den professionellen Umgang und die seriöse Erfassung von psychischen Auffälligkeiten sowie der entsprechenden Intervention. Aber andererseits müssen sich Wissenschaft und Praxis auch kontrovers mit den eigenen Schemata, Theorien und Klassifikationsversuchen auseinandersetzen.
Referent: Prof. Dr. Denis Köhler, SRH-Hochschule Heidelberg

V 7: "Konrad, sprach die Frau Mama..." - Keine Chance für die Pädagogik im Jugendstrafrecht?"
Den Ausgangspunkt der Betrachtungen bildet die Tatsache, dass pädagogische Überlegungen bei Diskussionen zum Jugendstrafrecht bisher von relativ geringer Relevanz waren. Es wird zwar häufig von Erziehung gesprochen, aber die zahlreichen pädagogischen Ausführungen zum Thema werden nur peri-pher wahrgenommen. Dies muss nicht unbedingt schlecht sein. Es gibt gute Gründe, den durch strafrechtliche Bestimmungen formulierten Erziehungsanspruch zu begrenzen. Dies ist ohne Abstriche anzuerkennen. Allerdings führt diese Enthaltsamkeit mitunter zu alltagsnahen, populären Erziehungskonzepten, die durch pädagogische Reflexion konstruktiv irritiert werden können.
In dem Beitrag wird deshalb ausgelotet, wie Erziehung im pädagogischen Diskurs konzeptualisiert wird. Es werden einige zentrale Diskussionspunkte aufgenommen, um auf dieser Grundlage einen Bogen zur Erziehungsdebatte im Kontext des Jugendstrafrechts zu schlagen. Dies führt zu einer kritischen Aus-einandersetzung mit Missverständnissen, die Erziehung vorrangig als Konfrontation oder Disziplinierung verstehen möchten.
Die pädagogische Fachdebatte richtet Erziehung an anderen Aspekten aus. Im Vordergrund steht die Frage, wie die Anleitung von Bildung und Selbstkritik ermöglicht werden kann, obwohl sich Kinder und Jugendliche direkter Beeinflussung durch Erziehung entziehen. Der Pädagogik geht es nicht vorrangig darum, methodische Sicherheit und Erziehungstechnologien zu vermitteln, sondern im Zentrum der Aufmerksamkeit muss die Bearbeitung von offenen Situationen und kontingenten Entwicklungen stehen – dies gilt auch für den Umgang mit delinquenten Jugendlichen und Heranwachsenden.
Referent: Prof. Dr. Bernd Dollinger, Pädagogische Hochschule Freiburg

V 8: Zur generalpräventiven Abschreckungswirkung des Strafrechts
Das Jugendstrafrecht hat vor allem eine spezialpräventive Aufgabe: Die Anwendung des Jugendstrafrechts soll vor allem erneuten Straftaten eines Jugendlichen oder Heranwachsenden entgegenwirken (§ 2 Abs. 1 JGG). Teilweise werden dem Jugendstrafrecht aber auch generalpräventive Funktionen zugewiesen, darunter auch die Abschreckung anderer als des verurteilten Täters. Ob eine generalpräventive Abschreckungswirkung des Strafrechts besteht und ob sich eine solche Wirkung insbesondere mit dem Jugendstrafrecht erzielen lässt, ist zweifelhaft. Über die generalpräventive Abschreckungswirkung des Strafrechts gibt es zahlreiche empirische Untersuchungen, die jedoch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
In dem Vortrag werden Befunde einer Metaanalyse über diese Studien dargestellt. Es wird erörtert, worauf die unterschiedlichen Ergebnisse zurückzuführen sind und inwieweit nach dem gegenwärtigen Forschungsstand belastbare Aussagen über eine generalpräventive Abschreckungswirkung des Strafrechts möglich sind.
Referenten: Prof. Dr. Dieter Dölling & Prof. Dr. Dieter Hermann, Universität Heidelberg

V 9: Was soll (und was darf) Diversion?
Seit 1980 stand das Thema Diversion auf der Agenda jedes Jugendgerichtstages; besondere Modelle von Diversion wurden schon 1983 erörtert. Bis dahin galten die Diversionsmöglichkeiten des JGG in §§ 45 und 47 noch überwiegend als Ausnahmeregelungen, die nur in wenigen und besonders gelagerten Fällen als Alternative zur förmlichen Sanktionierung durch Strafurteil in Betracht kommen. Mangels Nachweis in den Justizstatistiken war bis dahin kaum be-kannt, dass bereits zu Anfang der 1980er Jahre schon mehr als jedes dritte jugendstrafrechtliche Verfahren „informell“ nach den Diversionsvorschriften erledigt wurde; damals noch ganz überwiegend in Verbindung mit jugendrichterlich erteilten Weisungen oder Auflagen. Groß war die Reserve gegenüber der Möglichkeit einer folgenlosen Einstellung analog § 153 StPO; vertretbar erschien ein so weitgehender Verzicht auf ein förmliches Strafurteil nur, wenn Diversion nicht heißt, dass die Tat folgenlos bleibt, sondern genutzt wird für teils rein punitive, teils erzieherisch ausgestaltete, teils recht innovative, ambitionierte sozialpädagogische Maßnahmen.
Tatsächlich hat sich die Praxis seitdem weiterentwickelt: Seit Mitte der 1980er Jahre werden mehr als 50%, inzwischen 70% aller Verfahren nach JGG auf dem Wege der Diversion erledigt – und von diesen nurmehr jedes fünfte in Verbindung mit jugendrichterlich erteilten Weisungen oder Auflagen nach § 45 III oder § 47 JGG. Neu ist auch, dass die Möglichkeiten des § 45 II („wenn eine erzieherische Maßnahme bereits durchgeführt oder eingeleitet ist“) für ein Spektrum von Diversionsprojekten genutzt werden, von Formen der „Poli-zeidiversion“ (die Polizei initiiert noch vor Abgabe an die Staatsanwaltschaft punitive oder erzieherische Maßnahmen) bis hin zu sogenannten „Schülergerichten“, in denen andere Jugendliche dem Delinquenten das Unrecht seiner Tat vor Augen führen und Sanktionen oder Auflagen bestimmen (die im Einzelfall, hätte sie der Jugendrichter verhängt, durchaus ein Fall für die Verfassungsgerichtsbarkeit wären).
Inzwischen liegen in Deutschland Erfahrungen zur Handhabung und auch zur Legalbewährung mit solchen innovativen Formen der Befassung mit jungen Delinquenten im Rahmen der Diversion vor. Wie sind die Erfahrungen zu beurteilen, auch im Vergleich mit der konventionellen Diversionspraxis und den Befunden der Rückfallstatistik? Was kann aus den vorliegenden Erfahrungen für die Fortentwicklung der Diversion gelernt werden?
Referent: Gerhard Spiess, Universität Konstanz

V 10: Jugendgewalt in Deutschland: Zur Rolle von Integration und Religion
Eine vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen 2007/2008 bundesweit durchgeführte Repräsentativbefragung von 45.000 Schülerinnen und Schülern neunter Klassen hat es ermöglicht, die Bedeutung der sozialen Integration und der Religion für abweichendes Verhalten zu erfassen.
Merkmale der Integration von jungen Migranten waren dabei die Zahl deutscher Freunde, die Anwendung deutscher Sprache in verschiedenen Lebensbereichen, der schulische Erfolg und die Frage, ob sich die Jugendlichen als Deutsche fühlen. Zur Religion wurde bei Deutschen und Migranten nicht nur die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft erfasst, sondern auch die Religiosität, d.h. das Ausmaß der Verankerung im eigenen Glauben (z.B. über die Häufigkeit des Betens, des Besuchs von Gottesdiensten usw.).
Die Forschungsergebnisse zeigen zum einen auf, dass eine schwache soziale Integration mit deutlich erhöhten Gewaltraten einhergeht und dass sich hier zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, aber auch im Vergleich der Regionen Deutschlands beachtliche Unterschiede zum Ausmaß der sozialen Integration von jungen Migranten ergeben. Zum anderen wird erkennbar, dass die bloße Zugehörigkeit zu einer Religion allein wenig Wirkung entfaltet. Star-ke Bedeutung hat dagegen das Ausmaß der Religiosität. Insgesamt betrachtet fällt zu beiden Forschungsschwerpunkten auf, dass junge Muslime hier eine Sonderrolle einnehmen.
Referent: Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover

V 11: Verantwortlichkeit jugendlicher Straftäter nach § 3 JGG
Gemäß § 3 JGG ist ein Jugendlicher nur dann strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug war, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln. Die Verantwortlichkeit muss in jedem Einzelfall vom Gericht positiv festgestellt werden. Mehrere Untersuchungen zeigen allerdings, dass die Verantwortlichkeit in der Regel nur mit floskelhaften Begründungen im Urteil erwähnt und ohne nachvollziehbare Prüfstrategie fast immer bejaht wird. Selbst bei Höchststrafenurteilen wird die Verantwortlichkeit jugendlicher Straftäter nur selten in Frage gestellt. Bei den bisher vorliegenden empirischen Untersuchungen handelt es sich fast ausschließlich um Aktenanalysen, in denen lediglich das Beurteilungsergebnis, nicht aber der Beurteilungsprozess erkennbar ist.
In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten For-schungsprojekt untersucht das Zentrum für Rechtspsychologie, Kriminalwissenschaften und forensische Psychopathologie an der Universität Kiel, wie Gerichte, Staatsanwälte, Verteidiger und Sachverständige bei der Beurteilung der Verantwortlichkeit vorgehen, woran sie sich orientieren und wie deren Beurteilungen mit Täter- und Tatmerkmalen, Einstellungen, demografischen Merkmalen usw. zusammenhängen. Hierbei wurden bundesweit Angehörige der angeführten Berufsgruppen mit Fragebögen und intensiven Interviews befragt. Die ersten Ergebnisse dieser Erhebungen werden vorgestellt und erläutert.
Referent: Prof. Dr. Günter Köhnken, Christian-Albrechts-Universität Kiel

V 12: Renaissance des Polizei- und Ordnungsrechts: Zum Umgang mit Jugendlichen im öffentlichen Raum
Seitdem es eine Kontrolle des öffentlichen Raums durch die Polizei gibt, besteht einerseits mediale Beunruhigung über die „Störer“ der städtischen Ordnung, andererseits aber auch (oft pädagogische) Kritik am Vorgehen der Ordnungskräfte gegen Jugendliche und junge Männer.
Dies betraf die „Halbstarken“ der Kaiserzeit (mit einem Revival in den 1950er/1960er Jahren), die „Eckensteher“ während der Naziherrschaft und nachfolgende sichtbare Subkulturen und Gruppierungen von Rockern, Punks, Skinheads usw. In den letzten Jahren machen öffentlicher Alkoholkonsum und teilweise entgrenztes „Partyverhalten“ in den Vergnügungsvierteln entsprechende Schlagzeilen.
Der Vortrag versucht, wesentliche Linien dieser Debatte nachzuzeichnen und daraus Einsichten über den Umgang mit solchen „Ordnungsproblemen“ zu ziehen.
Referent: Prof. Dr. Joachim Kersten, Deutsche Hochschule der Polizei, Münster

V 13: § 37 JGG: Professionelle Entwicklung und richterliche Unabhängigkeit (ausgefallen)
Die Richterschaft gilt als klassische Profession, die auf Basis eines akademisch gelehrten Wissens gesellschaftlichen Zentralwerten (Zusammenleben, Gerechtigkeit) verpflichtet ist und dafür einen besonderen Status an Autonomie erhält. Zu dieser Autonomie gehört es auch, sich selbständig um den Erhalt und den Ausbau beruflicher Kompetenzen zu bemühen.
Die Praxis zeigt jedoch, dass die Bereitschaft, berufsbegleitende Formen professioneller Entwicklung (Qualitätszirkel, kollegiale Beratung, akademische Weiterbildung) wahrzunehmen, eher gering ist. Empirische Studien zur Selbstthematisierung der RichterInnen sollen helfen, Motive für die Teilnahme ebenso wie Motive für die Nicht-Teilnahme an Fortbildung zu verstehen. Dabei soll eine Positionsbestimmung zwischen dem Professionsstatus und der oft-mals einengenden jugendrichterlichen Praxis versucht werden.
Zwei Alternativen werden zur Diskussion gestellt: ein Modell zweier gleichrangiger Professionen – Jugendhilfe und Jugendgerichtsbarkeit – dessen Verwirklichung eine Profilierung und Emanzipation der Jugendgerichtsbarkeit als eigenständige Profession nach Maßgabe von § 37 JGG erfordert. Das Alterna-tivmodell wäre die Aufgabe der eigenen Professionalität und Subsummierung unter das allgemeine Strafrecht.
Referent: Prof. Dr. Michael Dick, Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten

V 14: Jugendarrest: Eine kritische Bestandsaufnahme
Der Jugendarrest ist und bleibt eine der umstrittensten Sanktionen des JGG. Statistiken weisen aus, dass er nach der unbedingten Jugendstrafe die Maßnahme mit der höchsten Rückfallquote ist. Pädagogen halten es für schwerlich möglich, den „Spagat“ zwischen Freiheitsentzug einerseits und Erziehung andererseits zu bewältigen. Dementsprechend gab und gibt es immer wieder massive Forderungen, den Jugendarrest ersatzlos aus dem Katalog der Sanktionen des JGG zu streichen. Demgegenüber steht die (überwiegende?) Praxis, die meint, ohne dieses Instrument nicht auskommen zu können. Welche Erwartungen an den Jugendarrest (den es im Übrigen in dieser Form gar nicht gibt, da sich der Vollzug in Deutschland von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich gestaltet) hegen Jugendrichter, Jugendstaatsanwälte und Jugendgerichtshelfer? Was hat es mit dem Beugearrest auf sich? Steht er für die Unerbittlichkeit der Justiz oder für Konsequenz in der Erziehung? Gehören Schulschwänzer und Verkehrssünder in den Jugendarrest? Was für ein Bild von jugendlichen Straftätern verbirgt sich letzten Endes hinter der Entscheidung, Jugendliche zu Freiheitsentzug in der Form von Jugendarrest zu verurteilen?
Referentin: Dagmar Thalmann, Direktorin am AG Müllheim und Leiterin der Jugendarrestanstalt Müllheim a.D.

V 15: Behandlung von Jugenddelinquenz: Aktuelle Entwicklungen, Ergebnisse und Probleme
Im Beitrag werden aktuelle Entwicklungen, Ergebnisse aus der neueren Evaluationsforschung und Probleme der Behandlung von Jugenddelinquenz vor dem Hintergrund einer Theorie der Interventionsentwicklung erörtert. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Gefahr iatrogener Effekte (kritische Nebenwirkungen) der Behandlung wie etwa erhöhter Drogenkonsum oder dem sogenannten Devianztraining in Gruppenbehandlungen gelegt. Mögliche Lösungswege für diese Probleme werden abschließend vor dem Hintergrund entwicklungspsychologischer Forschungen diskutiert.
Referent: Prof. Dr. Andreas Beelmann, Friedrich-Schiller-Universität Jena

V 16: Aktuelle Entwicklungen in der Sanktionspraxis
„Mit Härte und Haft gegen jugendliche Straftäter“, „kein Verständnis für die Anwendung des Jugendstrafrechts auf Heranwachsende“, „Ende der Kuschelpädagogik“, „mutige Staatsanwälte und Richter“… Die Schlagzeilen, mit denen eine Verschärfung sowohl des JGG als auch der Sanktionierungspraxis gefordert werden, lassen sich fast beliebig fortsetzen. Von den Einen wird erwartet und von den Anderen wird befürchtet, dass sich auch Jugendstaatsanwälte und Jugendrichter diesem Sog bzw. Druck nicht werden entziehen können. Schon auf dem 26. Deutschen Jugendgerichtstag 2004 wurde festgestellt, das Klima sei „rauer, die Gangart schärfer“ geworden, es gebe eine „Tendenz zu rigideren Strafen“. Vor diesem Hintergrund soll die aktuelle Anwendungspraxis des JGG dargestellt und geprüft werden, in welche Richtung sie sich im letzten Jahrzehnt entwickelt hat.
Grundlage hierfür werden sowohl die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen als auch die Daten der amtlichen Statistiken sein. Erstmals wird es hierbei möglich sein, auch die neuen Länder einzubeziehen. Denn seit dem Berichtsjahr 2007 liegen Daten über die jugendrichterliche Sanktionierungs-praxis für ganz Deutschland vor, so dass nunmehr alle Bundesländer in den Querschnittsvergleich einbezogen werden können. Schwerpunktmäßig wird es hierbei um Diversion, Untersuchungshaft, Einbeziehung der Heranwachsen-den, die formellen Sanktionen des JGG, aber auch um Jugendarrest- und Jugendstrafvollzug gehen. Insbesondere wird in den Blick genommen, ob und inwieweit sich tatsächlich Verschärfungen nachweisen lassen.
Referent: Prof. Dr. Wolfgang Heinz, Universität Konstanz

V 17: Junge Menschen in prekären Lebenslagen
Die EU-Kommission hat das Jahr 2010 zum Europäischen Jahr zur Bekämp-fung von Armut und sozialer Ausgrenzung erklärt. Von allen Altersgruppen sind Jugendliche am meisten von Armut betroffen. Unter Armut ist hierbei nicht nur materielle Armut, sondern auch eine Vielzahl von sozialen Benachteiligungen im Bildungsprozess und bei der individuellen Unterstützung von Jugendlichen zu verstehen. Um langfristig die verheerenden Wirkungen von Armut, Bildungsbenachteiligung und sozialer Ausgrenzung zu verhindern, gilt es daher zuvorderst, die Menschen zwischen 14 und 18 Jahren in den Blick zu nehmen und die Ursachen für prekäre Lebenslagen von Jugendlichen zu beseitigen.
Gleichzeitig ist jedoch festzustellen, dass die Jugendlichen zunehmend aus dem Fokus von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit verschwinden und stattdessen bestimmte Altersgruppen im Sinne von Benachteiligungskonkurrenzen gegeneinander ausgespielt oder jugendspezifische Angebote in einen anderen Kontext außerhalb des Leistungsgedankens im SGB VIII gestellt werden. Stichworte hierfür sind die Debatten um Kinderarmut, frühkindliche Bildung, Integration, Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit oder die Anwendung Ambulanter Maßnahmen nach dem Jugendstrafrecht.
Jenseits dieser Vernachlässigung des „Jugendwohls“ erscheint ein erweiterter Blick auf die Lebenslagen von Jugendlichen notwendig, um die Gesamtheit an sozialen Problemlagen und die daraus abzuleitenden sozialpolitischen und sozialpädagogischen Antworten zu erfassen. Darauf aufbauend sollen konkrete Ansätze zur Armutsprävention, zum Abbau von Bildungsbenachteiligungen und zur gelingenden Integration von jungen Menschen aufgezeigt werden.
Referent: Dr. Jörg Fischer, Friedrich-Schiller-Universität Jena

V 18: Anlehnung und Autonomie, Kontrollbedürfnis und Risikobereitschaft, Sexualität und Gewalt. Zur Normalität und Pathologie adoleszenter Entwicklungsprozesse
Die Entwicklung in der Adoleszenz ist ein komplexer Prozess, der voll von Widersprüchen scheint. Die Beschäftigung Jugendlicher mit Sexualität und Gewalt ist nicht erst in der heutigen Mediengesellschaft allgegenwärtig. Die Identifizierung mit oft subkulturellen Normen der Gleichaltrigengruppe ist ebenso bedeutsam wie das Ringen um Autonomie in Abgrenzung von den Erwachsenen.
Eine andere Haltung gegenüber Risikoverhalten und der Wahrnehmung von Risiken, eine eingeschränktere zeitliche Perspektive mit geringerem Planungshorizont und eine geringere Fähigkeit, sich selbst zu kontrollieren, sind entwicklungsspezifische Kennzeichen der Jugendphase. Impulsivität und das Bedürfnis nach Reizstimulation sind im Jugendalter erheblich erhöht. Adoleszente reagieren stärker sowohl auf direkte Einflüsse wie auch im Rahmen der Suche nach Anerkennung und Angst vor Zurückweisung auf indirekte Einflüsse der Gleichaltrigengruppe.
In diesem entwicklungspsychologischen Kontext ist zu fragen: Wie „normal“ sind expansive Verhaltensauffälligkeiten, Gewaltneigung, Medienkonsum, Delinquenz? Welche Funktion haben sie für eine „normale“ Entwicklung? Welche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen sich dadurch und wie kommt es zu pathologischen Fixierungen?
Referent: Prof. Dr. Michael Günter, Universität Tübingen

Letzte Änderung dieser Seite: 
10.06.2013

+++ 4. Bundeskongress - "Flucht nach vorne" +++

Vom 19. bis 21.09.2018 findet der 4. Bundeskongress der Jugendhilfe im Strafverfahren und der ambulanten sozialpädagogischen Angebote für straffällig gewordene junge Menschen unter dem Titel "Flucht nach vorne" in Bad Kissingen statt. Nähere Informationen zum Inhalt und zur Anmeldung finden Sie hier.

28. JGT 2010

28. Jugendgerichtstage

Förderer

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und JugendBundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend