Wissenschaftliches Hauptreferat

Prävention von Gewalt und Kriminalität junger Menschen: Was wirkt? Prof. Dr. Friedrich Lösel
University of Cambridge / Universität Erlangen-Nürnberg


Trotz mancher gegenläufiger kriminalstatistischer Daten und Dunkelfeldbefunde der letzten Jahre ist die Gewalt und Kriminalität junger Menschen ein zentrales kriminalpolitisches Thema in vielen Ländern. Dies ist zum einen auf besonders schwerwiegende Einzelfälle und deren mediale Aufbereitung zu-rückzuführen. Zum anderen werden objektiv schwer zu fassende qualitative Veränderungen der Gewalt konstatiert. Während ein erheblicher Teil der Diskussion sich allzu oft auf die Frage konzentriert, ob und wie die Jugendkriminalität zugenommen hat, geht der Beitrag von der simplen Feststellung aus, dass schwerwiegende Dissozialität in jeder Form und Intensität besondere Aufmerksamkeit und Investitionen der Gesellschaft erfordert. Dies wird nicht nur dadurch nahegelegt, dass junge Intensivtäter oft selbst Opfer von Gewalt und Vernachlässigung sind, sondern ist auch dadurch bedingt, dass sie ein hohes Risiko langfristiger psychosozialer Probleme in fast allen Lebensbereichen aufweisen.
Diese Befunde aus prospektiven Längsschnittstudien der Entwicklungskriminologie haben in jüngster Zeit zu vermehrten Bemühungen der Prävention geführt. Nicht selten wird die entwicklungsbezogene Prävention als Alternative zur Behandlung und Intervention proklamiert. Der Beitrag diskutiert dies als unangemessenen Aspekt eines expandierenden Marktes der Prävention. Demgegenüber wird gezeigt, wie Prävention auf allen Alters- und Entwicklungsstufen wirksam sein kann. Im ersten Teil des Beitrags werden exemplarisch eigene Befunde aus der Erlangen-Nürnberger Entwicklungs- und Präventionsstudie dargestellt. Im zweiten Teil werden diese partiell ermutigenden Befunde in den weiteren Kontext der internationalen entwicklungsbezogenen Präventionsforschung gestellt. Dabei werden insbesondere die Forschungsergebnisse zu Familien-, Kind- und Schulbezogenen Präventionsprogrammen dargestellt. Der dritte Teil des Beitrags vergleicht diese Ergebnisse mit den neueren Befunden der Behandlung junger Straftäter.
Abschließend werden aus dem derzeitigen Forschungsstand Empfehlungen für die Politik, Praxis und Forschung abgeleitet. Diese münden einerseits in die Forderung, mehr praxisbezogene Evaluation durchzuführen, andererseits muss sich auch die Forschung mehr den besonderen Anforderungen der Praxis stellen. Ritualisierte Schuldzuweisungen darüber, wo mehr getan werden müsste, helfen nicht weiter. Der Beitrag schlägt vielmehr eine integrierte, ressortübergreifende Strategie der entwicklungsbezogenen Kriminalprävention vor, die sowohl frühe Familien- und Kindbezogene Maßnahmen als auch die Intervention bei jungen Straftätern einschließt. Kosten-Nutzen-Überlegungen runden den Beitrag ab. Nicht nur die in letzter Zeit vielzitierten ‚Gutmenschen’, sondern auch die nüchternen empirischen Forschungen legen nahe: „Es ist nie zu früh und nie zu spät.“

Letzte Änderung dieser Seite: 
09.12.2010

+++ 4. Bundeskongress - "Flucht nach vorne" +++

Vom 19. bis 21.09.2018 findet der 4. Bundeskongress der Jugendhilfe im Strafverfahren und der ambulanten sozialpädagogischen Angebote für straffällig gewordene junge Menschen unter dem Titel "Flucht nach vorne" in Bad Kissingen statt. Nähere Informationen zum Inhalt und zur Anmeldung finden Sie hier.

28. JGT 2010

28. Jugendgerichtstage

Förderer

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