ZJJ – Jahrgang 38, Heft 3/2026

Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe

ISSN: 1612-1864

Der internationale Trend sinkender Jugendkriminalitätsraten – Evidenz und Erklärungen

Dietrich Oberwittler, Robert Svensson

Fachbeitrag, S. 164 – 175

DOI: https://doi.org/10.83458/zjj26301

Keywords: Freizeitverhalten, internationaler Vergleich, Jugenddelinquenz, sozialer Wandel, Zeitreihen

Der Aufsatz gibt einen internationalen Überblick über den langfristig sinkenden Trend der Jugendkriminalität. Es werden Forschungserkenntnisse zu den Hintergründen dieser Entwicklung diskutiert. Jugendkriminalität ist in den letzten 20 bis 30 Jahren in vielen entwickelten Nationen erheblich gesunken. Das zeigen sowohl polizeiliche Kriminalstatistiken als auch wiederholt durchgeführte Selbstberichtsstudien. Seit 2015 scheint sich der Rückgang abgeflacht zu haben und in einigen europäischen Ländern werden zuletzt Eigentumsdelikte von Jugendlichen wieder häufiger. Bei der Suche nach Erklärungen des Kriminalitätsrückgangs haben Studien in den USA und Skandinavien zuletzt Fortschritte erzielt, indem sie sich auf der Basis wiederholter Querschnittserhebungen mit den unmittelbaren Einflussfaktoren von Delinquenz auf der Mikroebene und mit dem sozialen Wandel der Lebenserfahrungen von Jugendlichen beschäftigt haben. Diese Studien konnten zeigen, dass ein Rückgang der unstrukturierten Freizeitaktivitäten gemeinsam mit Gleichaltrigen und des Alkoholkonsums die beiden stärksten Prädiktoren für langfristig sinkende Deliktraten waren. Dies stützt theoretische Ansätze, die auf situative Gelegenheitsstrukturen als Delinquenzursache abheben. Die Rolle des Internets und der sozialen Medien ist demgegenüber noch nicht ausreichend erforscht.

Parteiaffinität und Delinquenz – Ergebnisse einer niedersächsischen Jugendbefragung

Dirk Baier, Sören Kliem, Yvonne Krieg

Fachbeitrag, S. 176 – 182

DOI: https://doi.org/10.83458/zjj26302

Keywords: Gewalt, Ladendiebstahl, Parteiaffinität, rechtsextreme Einstellungen, Sachbeschädigung

Diese Studie untersucht den bislang kaum erforschten Zusammenhang zwischen Parteiaffinität und delinquentem Verhalten bei Jugendlichen in Niedersachsen. Datengrundlage ist der Niedersachsensurvey 2022, eine repräsentative Dunkelfeldbefragung von 8.539 Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern. Um die Parteiaffinität der Jugendlichen zu erheben, kam die bekannte „Sonntagsfrage” zum Einsatz. Neben der Parteineigung wurden umfangreiche Instrumente zur Erfassung rechtsextremer und linksextremer Einstellungen sowie das delinquente Verhalten (Gewalt, Ladendiebstahl, Sachbeschädigung) eingesetzt. Bivariate Analysen zeigen, dass Jugendliche mit AfD-Affinität die höchsten Prävalenzraten für Gewalt und Sachbeschädigung aufweisen, während Sympathisanten von Bündnis 90/Die Grünen die niedrigsten Werte beim Gewaltverhalten berichten. Jugendliche, die Die Linke präferieren, geben überdurchschnittlich häufig Ladendiebstähle an. Multivariate binär-logistische Regressionsanalysen, in denen Alter, Geschlecht, Schulform, Migrationshintergrund und elterliche Arbeitslosigkeit/Sozialhilfebezug kontrolliert werden, bestätigen ein signifikant erhöhtes Risiko für Gewalt- und Sachbeschädigungsdelikte bei AfD-affinen Jugendlichen sowie für Ladendiebstahl und Sachbeschädigung bei Jugendlichen mit Affinität zur Partei Die Linke. Insgesamt legen die Befunde nahe, dass Parteiaffinitäten bereits im Jugendalter systematisch mit politischen Einstellungen und delinquentem Verhalten verknüpft sind und daher in der Kriminologie stärker untersucht werden sollten.

„Por favor, ayúdeme!“ – Von der Kostentragungspflicht bezüglich Dolmetscherleistungen

Hanna Borgwardt, Sören Pansa

Fachbeitrag, S. 183 – 186

DOI: https://doi.org/10.83458/zjj26303

Keywords: Dolmetscherkosten, Jugendamt, Jugendgerichtshilfe, JVEG

Bei bestehenden Sprachbarrieren bezüglich des Beschuldigten- ist für die Jugendgerichtshilfe die zeitnahe Hinzuziehung eines Dolmetschers zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Aufgaben unausweichlich. Hierbei ist durch gerichtliche Entscheidungen zum Problem geworden, ob die Jugendgerichtshilfe die hierdurch entstehenden Kosten selbst zu tragen hat. Dieser Beitrag geht daher auf thematisch relevante Beschlüsse ein, zeigt potentielle Lösungsansätze auf und gibt Hinweise für die Ausgestaltung der „Praxis“, um eine potentielle Kostentragungspflicht der Jugendgerichtshilfe abzuwenden.

Zuchtmittel und schädliche Neigungen: Nationalsozialistische Kontinuitäten im Jugendstrafrecht

Lisa Tölle, Jan Tölle, Michèle Winkler

Fachbeitrag, S. 187 – 195

DOI: https://doi.org/10.83458/zjj26304

Keywords: Jugendarrest, NS-Kontinuitäten, schädliche Neigungen, Schaffstein, Tätertypenlehre

Das Jugendstrafrecht ist bis heute gezeichnet von Kontinuitäten der NS-Zeit. Das betrifft genutzte Begrifflichkeiten ebenso wie die rechtliche Ebene. Daneben zeigen sich diese Kontinuitäten aber auch in einer Perspektive auf Jugend. So wird bis heute nach sogenannten schädlichen Neigungen gesucht, die das strafrechtlich relevante Verhalten begründen sollen. Im vorliegenden Artikel sollen diese NS-Kontinuitäten spezifisch für das Jugendstrafrecht ergründet und tradierte Linien in aktuellen Jugendkriminalitätsdiskursen erhellt werden.

An Grenzen arbeiten – Pädagogische Arbeit justizexterner Träger im Jugendstrafvollzug

Maria Jakob, Maruta Herding, Daniel Diegmann, Anja Frank, Christian Schwarzloos

Fachbeitrag, S. 196 – 204

DOI: https://doi.org/10.83458/zjj26305

Keywords: Erziehungsauftrag, institutionelle Logiken, Jugendstrafvollzug, justizexterne Pädagog*innen, Pädagogik im Gefängnis

Justizexterne Pädagog*innen können sich bei ihrer Arbeit im Jugendstrafvollzug den Kontextbedingungen nicht entziehen. Der Haftkontext reguliert als „Festung“, als „Blackbox“ und als „Dorf“ Zugänge, Wissen und Zugehörigkeiten. Zudem spielen Gruppendynamiken aus dem Haftalltag in die pädagogische Situation hinein. Anhand von empirischen Beispielen wird gezeigt, wie pädagogisches Handeln durch den institutionellen Kontext geprägt wird und welche Spannungen sich daraus für die Praxis ergeben: Sie werden besonders in den Momenten sichtbar, wo Fachkräfte pädagogische Situationen herstellen, mit Dynamiken aus der sozialen Welt der Inhaftierten konfrontiert sind, sich im Machtgefüge des Strafvollzugs verorten und unter institutioneller Beobachtung arbeiten.

Zur Unzulässigkeit freiheitsentziehender Unterbringungen in der Kinder- und Jugendhilfe
Eine Replik aus ombudschaftlicher Perspektive

Konstanze Fritsch, Peter Schruth

Fachbeitrag, S. 205 – 211

DOI: https://doi.org/10.83458/zjj26306

Keywords: Erziehung, freiheitsentziehende Unterbringung, Hilfen zur Erziehung, Inobhutnahme, Jugendhilferecht, stationäre Erziehungshilfe, Time-Out-Räume

Veranlasst durch die vom DJI veröffentlichten und kommentierten Strukturdaten zur Belegungspraxis von Einrichtungen mit freiheitsentziehender Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in der ZJJ 1/2026 ab S. 17 ff. und der in fachpolitischen Fachdebatten verbreiteten Annahme, freiheitsentziehende oder beschränkende Unterbringung nach § 1613b BGB könnten als „Hilfe zur Erziehung“ nach § 34 SGB VIII qualifiziert werden, widerspricht dieser Beitrag als Replik. Es wird im Beitrag begründet, dass mit dem jugendhilferechtlichen Erziehungsbegriff und mit § 34 SGB VIII als freiwillige, auf Entwicklung und Selbstbestimmung ausgerichtete Leistungsnorm das gefahrenabwehrende Schutzinstrument des § 1613b BGB unvereinbar ist.

Strafmündigkeit senken? Ein Irrweg
Anmerkungen des Ziethener Kreises zur aktuellen kriminalpolitischen Debatte

Ziethener Kreis: Nadine Bals, Susanne Beck, Heinz Cornel, Frieder Dünkel, Christoph Flügge, Ulrich Freise, Saraya Gomis, Manfred Lösch, Gero Meinen, Lena Mertins, Ineke Pruin, Bernd-Rüdeger Sonnen, Anke Stein

Zwischenruf, S. 212 – 213

Die Entwicklung des Kinder- und Jugendhilferechts, die „Kostenexplosion“ und die aktuelle Reformdebatte – Ein (nicht nur fachpolitischer) Zwischenruf

Thomas Trenczek

Zwischenruf, S. 214 – 219

Unverhältnismäßigkeit der geschlossenen Unterbringung von Minderjährigen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

BGH, Beschluss vom 27.11.2024 − XII ZB 164/24

Entscheidungen zum Jugendrecht, S. 220 – 222

Zuständigkeit der gesetzlichen Krankenversicherung für die Finanzierung einer stationären Maßnahme zur medizinischen Rehabilitation bei einem suchtkranken jugendlichen Straftäter zur Zurückstellung der Strafvollstreckung gemäß § 35 BtmG
Anmerkung zum Urteil des Bundessozialgerichts vom 28. Januar 2026 − B 1 KR 20/24 R

Manfred Hammel

Entscheidungen zum Jugendrecht, S. 223 – 224

Arbeitshilfe der BAG JuhiS: Grenzen der Verpflichtung zur Erteilung von Auskünften der Jugendhilfe im Strafverfahren (JuhiS) trotz fehlenden Zeugnisverweigerungsrechts

Dokumentationen, S. 226 – 229

Das 1. Kinder- und Jugendhilfestrukturreformgesetz (1. KJHSRG) – Der Aufschlag zum Niedergang der Kinder- und Jugendhilfe

Der Gesetzentwurf der Bundesregierung: Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Strukturreform der Kinder- und Jugendhilfe (Erstes Kinder- und Jugendhilfestrukturreform-Gesetz – 1. KJHSRG) – eine erste Bewertung

Norbert Struck

Dokumentationen, S. 230 – 233

Stellungnahme zum Anschlag im Umfeld des Berliner Christopher Street Day
Gemeinsame Stellungnahme des Vorstands, der BAG Justiz und Anwaltschaft, der BAG Polizei und der Geschäftsführung der DVJJ e.V.

Dokumentationen, S. 234

Handlungsempfehlungen zur Prävention und Bekämpfung der Kinder- und Jugenddelinquenz
Ergebnisse einer polizeilichen Bund-Länder-Projektgruppe

Maike Meyer, Figen Özsöz

Dokumentationen, S. 235 – 237

Jugendkriminalität: Individuelle Reaktionen auf abweichendes Verhalten im Wandel gesellschaftlicher Verhältnisse
Tagungsbericht zum Fachtag der Landesgruppe Sachsen-Anhalt der DVJJ

Daniela Trunk, Lukas Knauer, Hagen Ohlendorf, Jens Borchert

Tagungsberichte, S. 238 – 239

Häuser des Jugendrechts
Leon Lohrmann

Nadine Bals

Rezensionen, S. 240 – 241