„K/Ein Zugang!?“ Wie kann oder sollte ich Jugendliche professionell erreichen? Wie können oder sollten wir in unseren eigenen institutionellen Rollen miteinander kommunizieren?
18. September 2025, Chemnitz
Von Bullenschweinen und Sozialsofties – Zum Verhältnis von Polizei und Sozialer Arbeit
Prof. Dr. Marcel Schöne
Professor für Kriminologie, Hochschule der Sächsischen Polizei
Prof. Dr. Marcel Schöne von der Hochschule der Sächsischen Polizei analysierte in seinem Vortrag das Verhältnis von Polizei und Sozialer Arbeit. Zunächst wurde verdeutlicht, dass beide Berufsgruppen mit der Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung befasst und dabei häufig mit vielfältigen sozialen Problemlagen konfrontiert sind. Daran anschließend stellte Professor Schöne sehr anschaulich und lebendig dar, in welcher Weise sich die spezifischen Zielsetzungen und Handlungsmuster beider Professionen, aber auch das jeweils habitualisierte Selbstverständnis grundlegend unterscheiden. Während die Polizei für Kontrolle und eine umgehende Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols steht, fokussiert Soziale Arbeit auf Hilfe, Unterstützung und Vertrauen. Die daraus erwachsenden Differenzen führen in der Praxis zu vielfältigen Spannungsfeldern, welche die Zusammenarbeit und Kooperation beider Professionen maßgeblich erschweren. Zum Abschluss des Vortrages entfaltete der Referent einige mögliche Denkfiguren, die im praktischen Handeln zur Verbesserung der Zusammenarbeit beitragen könnten.
In dem am Nachmittag stattfindenden Workshop nahm die Arbeitsgruppe den Faden des Vortrags auf. Die Teilnehmenden gaben vielfältige Einblicke in ihre persönlichen Kooperationserfahrungen zwischen den Berufsgruppen Polizei und Sozialarbeit. Anhand dieser Beispiele wurden u.a. institutionelle Rahmenbedingungen und vielfältige Rollenerwartungen und –prägungen diskutiert. Als hilfreich für die Überwindung berufsgruppenbedingter Stereotype zeigte sich die Pflege persönlicher Kontakte. Der deutliche Wunsch beider Berufsgruppen nach guten Zugängen zueinander mündete in konkreten Umsetzungsideen wie gemeinsame Aus- und Fortbildung, weitere Forschung und den Ausbau interprofessioneller Zusammenarbeit.
(Volker Krause)
Jugendhilfe: Profis in der Beziehungsgestaltung, oder?
Daniela Kundt
Teamleiterin Ambulante Maßnahmen der Jugendhilfe im Strafverfahren, Stadt Stuttgart
Im Vortrag von Frau Daniela Kundt bekamen die Teilnehmenden einen Input zum Thema „Jugendhilfe: Profis in der Beziehungsgestaltung, oder?“. Neben Einblicken in die Aufgaben und Arbeitsweisen der JuHiS sowie die Kooperation mit Polizei und Justiz hob das Fazit die Akzeptanz, Freiwilligkeit und Partizipation als Zugangsbasis zu den jungen Menschen hervor – dies bedeute Vertrauen, Zeit, Geduld, Interesse und Niedrigschwelligkeit.
In dem von Frau Kundt geleiteten Workshop wurde sich mit Fragen nach den Hürden für junge Menschen und deren Abbau auseinandergesetzt. Mitarbeitende aus der öffentlichen und freien Jugendhilfe sowie Justiz diskutierten rege über mögliche Zugänge zu jungen Menschen und deren Erleichterung. So wurde eine frühzeitige Einbindung der Jugendhilfe im Strafverfahren als zielführend benannt, z. B. durch deren Teilnahme an der polizeilichen Beschuldigtenvernehmung. Die Einladungsschreiben sollten regelmäßig reflektiert werden, u. a. könnte mittels KI eine Übersetzung in einfache Sprache bspw. für junge Menschen mit Sprachbarrieren erstellt werden. Ebenfalls ein wohnortnaher Beratungsort, indem die jungen Menschen zu den freien Trägern eingeladen werden, ergab sich als Zugangsmöglichkeit im ländlichen Raum. Resümierend wurde eine technische Weiterentwicklung bei öffentlichen Trägern als auch die Nutzung mehrerer Kanäle wie Bezugspersonen oder Rechtsanwälte (bei vorheriger Klärung des Datenschutzes) als hilfreich erachtet.
(Susann Oberländer)
Martina Flade
Rechtsanwältin, ehemals Staatsanwältin und Jugendrichterin
Martina Flade, ehemalige Staatsanwältin und Jugendrichterin und nun freiberufliche Rechtsanwältin, sprach über ihre persönlichen Erfahrungen, erfolgreiche Zugangswege zu jungen Menschen über die ihnen vertrauten sozialen Medien zu eröffnen. In ihrer Freizeit klärt sie als Influencerin auf verschiedenen Kanälen über den Richterberuf auf und vermittelt juristisches Wissen an die breite Öffentlichkeit. Frau Flade akzentuierte die Bedeutung sozialer Medien als elementarer Sozialisationsraum und Quelle für Unterhaltung, Nachrichten und Wissen, besonders für die Jugend. Die Akteure (Influencer?) dieser Kanäle können oft den Status von Vertrauenspersonen erlangen, was die Hemmschwelle zur ersten informellen Kontaktaufnahme mindern und a
ls Türöffner für eine Zusammenarbeit wirken kann. Der Vortrag lieferte anregende und ermutigende Impulse, diese (noch) wenig genutzten alternativen Zugangswege einzubeziehen.
Im anschließenden Workshop hat sich die Arbeitsgruppe vertieft mit dem Thema »Sozial Media« auseinandergesetzt. Zunächst wurde über die mögliche(n) Zielgruppe(n) eines behördlichen Social-Media-Profils nachgedacht. Dabei wurde vor allem der Vorteil einer günstigen (niederschwelligen) Erreichbarkeit über Kanäle, die die Jugendlichen und Heranwachsenden ohnehin bevorzugt und ausgiebig nutzen, gesehen. Vorstellbar wäre jedenfalls ein Angebot, das als Aushängeschild zur Kontaktaufnahme funktioniert. Selbstverständlich sind die Regeln des Datenschutzes einerseits und die Vorgaben der Behördenleitung andererseits einzuhalten.
(Anke Schubert)
Podiumsbeitrag: Strafvollzug in freien Formen I Restorative Justice I Ambulante Maßnahmen für straffällig gewordene Jugendliche
Franz Steinert und ehemalige Bewohner des Strafvollzugs in freien Formen
Seehaus Leipzig
Der abschließende Beitrag des Seehaus e.V. bot einen eindrucksvollen Einblick in die Arbeit des Vereins, der seit 2011 in Sachsen einen Strafvollzug in freien Formen anbietet. Durch gemeinsames Leben, Arbeiten und soziales Training werden hier junge Männer zu Verantwortungsübernahme und konstruktiver Teilhabe an der Gesellschaft befähigt.
Zwei ehemalige Bewohner des Projekts gaben den Teilnehmenden des Sächsischen Jugendgerichtstages authentische Einblicke in den Lebensweg junger Straftäter – von der Kriminalität bis hin zur Rückkehr in den Alltag mit Unterstützung des Seehaus e.V. Ihre Beiträge verdeutlichten, wie wichtig Respekt und Verständnis für eine gelingende Kommunikation sind, insbesondere im Kontext von Prävention und Resozialisierung.
Aufbauend auf der Frage, wie eine gewinnbringende Kontaktaufnahme mit straffällig gewordenen Jugendlichen und jungen Heranwachsenden gestaltet werden kann, lag der Fokus des anschließenden Workshops auf klaren Kommunikationswegen. Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen und Missverständnisse zu vermeiden. Das Ergebnis manifestierte sich eindeutig: Nur gemeinsames Handeln ermöglicht eine Perspektive jenseits der Straftat – hin zu Verantwortung und gesellschaftlicher Teilhabe.
(Dana Damm)