31. Deutscher Jugendgerichtstag – Bonn

03. September bis 06. September 2020

Datum der Veranstaltung:
03. September bis 06. September 2020

Veranstaltungsort:
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Regina-Pacis-Weg 3, 53113 Bonn

Anmeldeschluss:
31/07/2020

Teilnahmegebühr:
(inkl. Abendveranstaltung am 05.09.2020) | Mitglieder der DVJJ: 195,- | Studierende (Mitglieder der DVJJ): 165,- | Nichtmitglieder: 255,- | Studierende (Nichtmitglieder): 195,-

Veranstaltungsnummer:
V 20/05

Der Deutsche Jugendgerichtstag ist die zentrale Tagung für alle Berufsgruppen, die am Jugendstrafverfahren mitwirken, mit straffällig gewordenen jungen Menschen arbeiten oder sich wissenschaftlich mit Fragen der Jugendkriminalität und der Jugendstrafrechtspflege befassen.

Die Veranstaltung bietet Gelegenheit, sich über grundlegende und aktuelle Themen zu informieren und zu diskutieren, neue ebenso wie bewährte Projekte und Initiativen kennen zu lernen und sich zum intensiven Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aller Institutionen der Jugendkriminalrechtspflege zusammen zu finden.

Der kommende, nunmehr 31. Deutsche Jugendgerichtstag findet vom 3. bis 6. September 2020, unter dem Titel „Jugend, Recht und Öffentlichkeit – Selbstbilder, Fremdbilder, Zerrbilder“, an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität (Regina-Pacis-Weg 3, 53113 Bonn) statt.

Es werden zahlreiche Arbeitskreise und Vorträge in Foren, sowohl zu berufsgruppenübergreifenden, als auch zu berufsgruppenspezifischen Themen angeboten. Eine detailierte Übersicht der Inhalte finden Sie weiter unten auf dieser Seite.

Das vorläufige Tagungsprogramm finden Sie hier.

Programmablauf

Donnerstag, 3. September 2020 – Eröffnungsveranstaltung

14:00 – 14:15 UhrBegrüßung
Prof. Dr. Theresia Höynck, Vorsitzende der DVJJ
14:15 – 14:45 UhrGrußwort
Rektor Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Hoch, Universität Bonn

Eröffnungsvorträge

14:45 – 15:45 Uhr

Jugend, Recht und Öffentlichkeiten – Diskurs und Verständigung in einer digitalisierten Gesellschaft
Prof. Dr. Lars Rinsdorf, Hochschule der Medien, Stuttgart
15:45 – 16:00 UhrKaffeepause
16:00 – 17:00 Uhr
Zwei Welten begegnen sich: Das schwierige Verhältnis von (Jugend-)Strafrecht und Öffentlichkeit
Prof. Dr. Dr. Volker Boehme-Neßler, Universität Oldenburg
17:00 – 17:30 UhrGrußwort – Gabriele Klingmüller, Bürgermeisterin der Stadt Bonn
ab 17:30 UhrTreffen der Berufsgruppen mit Stehempfang
Folgende Berufsgruppen treffen sich in der Universität Bonn:
– BAG Jugendhilfe im Strafverfahren
– BAG Polizei
– BAG Justiz und Anwaltschaft
– BAG Ambulante sozialpädagogische Angebote
– Hochschullehrende und wissenschaftliche Mitarbeiter/innen
– Mitarbeitende der Bewährungshilfe

Freitag, 4. September 2020

09:00 – 13:00 Uhr

Beratung in den 16 Arbeitskreisen

10:30 – 11:00 UhrKaffeepause
13:00 – 14:00 UhrMittagspause
13:00 – 18:00 UhrMarkt der Möglichkeiten, Filmvorführungen und Wanderausstellung

14:00 Uhr
Filmvorführung „ZwischenWelten – Kooperationsprojekt zwischen dem Streetwork-Verein Gangway e.V. und der Jugendstrafanstalt Berlin“

16:00 Uhr
Filmvorführung „Beyond Punishment“ mit anschließendem Gespräch mit dem Regisseur Herrn Siegert

14:00 – 18:00 Uhr
Markt der Möglichkeiten und Wanderausstellung zum Foregivness Project

Samstag, 5. September 2020

09:00 – 13:00 UhrMarkt der Möglichkeiten
09:00 – 10:15 UhrVorträge 1 bis 9
10:15 – 10:45 UhrKaffeepause
10:45 – 12:00 UhrVorträge 10 bis 18
14:00 – 17:00 UhrMitgliederversammlung
ab 19:30 UhrAbendveranstaltung, Parkrestaurant Rheinaue

Sonntag, 6. September 2020 – Abschlussveranstaltung

10:00 – 12:00 UhrAbschlussvortrag:
Kriminologische Forschung zur (Jugend-)Strafgesetzgebung
Prof. Dr. Ralf Kölbel, Ludwig-Maximilians-Universität München

Arbeitskreise

AK 1 Restorative Justice und Opferorientierung im Jugendstrafverfahren

Referierende:Johanna Muhl & Christoph Willms, Servicebüro für Täter-Opfer-Ausgleich und Konfliktschlichtung, Köln | Prof. Dr. Arthur Hartmann, Hochschule für Öffentliche Verwaltung, Bremen

Moderation: Prof. Dr. Thomas Trenczek

Abstract: Die Idee einer Restorative Justice wird in Deutschland im internationalen Vergleich weder in seinen Wesensmerkmalen (Opferperspektive, Wiedergutmachung, Gemeinwesenansatz) hinreichend wahrgenommen noch in der Praxis intensiv genutzt. Im Wesentlichen wird hier zu Lande nur die bilaterale Konfliktvermittlung in strafrechtlichen Konflikten zugunsten eines sog. Täter-Opfer-Ausgleiches durchgeführt – und auch das nur in einem geringen Umfang. Im AK sollen die Erfahrungen mit der Implementation der Restorative Justice Idee in die bundesdeutsche Praxis (insb. im Jugendbereich) kritisch reflektiert werden. Im Hinblick auf eine verstärkte Opferorientierung werden zunächst die Ergebnisse der viktimologischen Forschung im Hinblick auf die RJ-Ansätze präsentiert. In diesem Zusammenhang soll es auch möglich sein, die rechtlichen und fachlichen Standards der Bearbeitung strafrechtlich relevanter Konflikte unter Berücksichtigung der EU-Opferschutzrichtlinie sowie des MediationsG in das Blickfeld rücken. Dabei werden auch die Unterschiede zwischen der Konfliktvermittlung/Mediation und dem sog. Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) als strafrechtliche Rechtsfolge zu berücksichtigen sein. Auch im Hinblick auf den TOA werden die internationalen & europäischen Entwicklungen und Vorgaben (UN Basic Principals & CM/Rec 2018) dargestellt, um auf dieser Grundlage die aktuellen Erkenntnisse und Herausforderungen der Vermittlungspraxis in Jugendverfahren zu diskutieren. Schließlich soll auch über den Stand der Praxis in anderen RJ-Verfahren (z.B. Conferencing im strafrechtlichen Konflikten, Familienratverfahren im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, …) berichtet werden, um Perspektiven für die weitere Entwicklung der RJ-Idee in Deutschland zu erarbeiten.

AK 2 Das Jugendstrafverfahren nach der Umsetzung der EU-Richtlinie 2016/800 über Verfahrensgarantien in Strafverfahren für Kinder, die Verdächtige oder beschuldigte Personen in Strafverfahren sind – Erfahrungsaustausch

Referierende: Dr. Michael Sommerfeld, Regierungsdirektor, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, Oberstaatsanwalt a.D. | Prof. Dr. Frank Rose, Direktor des Amtsgerichts Ratzeburg

Moderation: Verina Speckin, Rechtsanwältin, Fachanwältin für Strafrecht und für Arbeitsrecht, Rostock

Abstract: Die am 11. Juni 2016 in Kraft getretene EU-Richtlinie 2016/800 über Verfahrensgarantien in Strafverfahren für Kinder (= Personen im Alter von unter 18 Jahren), die Verdächtige oder beschuldigte Personen in Strafverfahren sind, ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Die Umsetzung der Vorgaben der Richtlinie verläuft schleppend und konnte innerhalb der dreijährigen Frist nicht zu einem Abschluss gebracht werden.

Am 12. Juni 2019 hat die Bundesregierung den „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren“ (BR-Drucks. 368/19) vorgelegt, der in Umsetzung der verbindlichen europarechtlichen Vorgaben in vielerlei Hinsicht zu – zum Teil deutlichen – Änderungen des deutschen Jugendstrafverfahrensrechts führen wird. Diese Änderungen betreffen zum Beispiel die umfangreichen Informationspflichten, die Mitwirkung der Jugendgerichtshilfe, die Beteiligung der Erziehungsberechtigten und gesetzlichen Vertreter sowie insbesondere die notwendige Verteidigung. Dabei ergeben sich die letztgenannten Änderungen im Wesentlichen aus dem von der Bundesregierung ebenfalls am 12. Juni 2019 vorgelegte „Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung des Rechts der notwendigen Verteidigung“ (vgl. BR-Drucks. 364/19).

Es steht zu erwarten, dass das Gesetzgebungsverfahren nun zügig zu einem Abschluss gebracht werden wird und dass die Praxis auf erste Erfahrungen im Umgang mit den erfolgten, zum Teil komplexen Änderungen blicken kann.

Vor diesem Hintergrund soll der Schwerpunkt des Arbeitskreises nicht bei der bloßen Wissensvermittlung liegen. Im Fokus sollen vielmehr die Fragen aus der Praxis an die Praxis und der gemeinsame Meinungsaustausch stehen.

AK 3 Arbeit mit sexuell auffälligen Jugendlichen

Referierende: Helmut Maier, Stadtjugendamt Erlangen | Klaus Elsner

Moderation: Andrea Schmidt, Stadtjugendamt Erlangen, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), Master of criminology and police science

Abstract: Folgt in Kürze

AK 4 Einige besondere Herausforderungen im Jugendstrafvollzug

Referierende: Sarah Blume, TU Dresden, Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften | Hilde Kugler, Geschäftsführerin Treffpunkt e.V., Nürnberg

Moderation: Dr. Joachim Walter, Rechtsanwalt, ehemals Leiter der JVA Adelsheim

Abstract:
1.
Impulsreferat: Entlassungsvorbereitung im Projekt HEIMSPIEL (Sarah Blume)
Zwischen 2011 und 2019 existierte im Freistaat Sachsen die, an den Verein für soziale Rechtspflege Dresden e.V. angegliederte, Übergangseinrichtung HEIMSPIEL: Auf Basis eines Langzeitausganges erhielten Jugendliche, Heranwachsende und junge Männer die Gelegenheit, für die letzten (max. 6) Monate der Haftstrafe, ihre Entlassung, wohnortnah und mithilfe sozialpädagogischer Begleitung in Dresden vorzubereiten. Das Referat nimmt den konzeptionellen Rahmen des ehemaligen Wohnprojekts in den Blick und stellt zentrale Ergebnisse der wissenschaftlichen Evaluation vor. Sodann lassen sich entsprechende Ableitungen zur überleitungsorientierten Vollzugsgestaltung auf Grundlage der vorausgegangenen Erfahrungen treffen, die die Chancen und Grenzen eines Projektes im Spannungsfeld einer bedürfnisorientierten Perspektive und einen zunehmend risikoorientierten Strafvollzug einbezieht.

2. Impulsreferat: Junge Väter im Jugendstrafvollzug. (Hilde Kugler)
Anders als Gefangene im Erwachsenenvollzug haben Jugendstrafgefangene häufig noch gar kein Bewusstsein für ihre Vaterrolle. Die deshalb notwendigen familienorientierten Betreuungsmaßnahmen können beispielsweise bestehen in einem speziellen Besuchssetting, der Biografiearbeit und einem Vätertraining. Auch die Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen zuständigen Partnern wie Jugendamt, Familienbildung und anderen externen Trägern ist von besonderer Bedeutung für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Jugendstrafvollzug. In diesem Arbeitskreis soll ein offener Erfahrungsaustausch neue Anregungen geben.

AK 5 Hilfeplanung in der Jugendhilfe im Strafverfahren

Referentin: Brigitta Goldberg, Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Bochum

Moderation: Pamela Busse, Dipl.-Sozialpädagogin, Kommunaler Sozialer Dienst Mülheim an der Ruhr

Abstract: Die Mitwirkung der Jugendhilfe in Verfahren nach dem JGG stellt eine originäre, sozialrechtlich begründete Aufgabenstellung der Jugendhilfe dar. Jugenddelinquenz kann Hinweise auf belastende, defizitäre Sozialisations- und Lebensbedingungen geben, die mit einem erzieherischen Bedarf einhergehen. Ziel der Jugendhilfe im Strafverfahren (JuHiS) ist es, die Tragweite der Delinquenz im Blick auf den Einzelfall zu überprüfen, um potenziell daraus erwachsende Gefährdungen für Kinder und Jugendliche zu erkennen und durch passende Angebote abzuwenden.

Gemäß § 52 SGB VIII hat die JuHiS frühzeitig zu prüfen, ob für die jungen Menschen Leistungen der Jugendhilfe in Betracht kommen. Dabei hat die Jugendhilfe sich am Kindeswohl zu orientieren und die Aspekte herauszuarbeiten, die das Wohl der jungen Menschen fördern, sie unterstützen bzw. die bestehenden Benachteiligungen abbaut. Diese jugendhilferelevanten Gesichtspunkte können maßgeblichen Einfluss auf das Strafverfahren haben, umso wichtiger ist es, diese in Verfahren vor den Jugendgerichten zur Geltung zu bringen.

Nicht jedes strafrechtlich relevante Verhalten löst jedoch unweigerlich eine professionelle Intervention der Jugendhilfe aus. Aber wenn sich nun herausstellt, dass eine Hilfe zur Erziehung oder Hilfe für junge Volljährige notwendig ist – wer hat dann die Fallverantwortung für diese Jugendhilfe-Leistung? Das ist in der Praxis sehr unterschiedlich, insbesondere weil die Fallverantwortung von der Organisationsform der JuHiS (Spezialdienst, Teilspezialisierung oder vollständige Integration in den ASD) abhängig ist.

Im Arbeitskreis sollen – unter der Einbeziehung der sich aus der EU-Richtlinie 2016/800 ergebenden Veränderungen – die gesetzlichen Aufgaben der JuHiS, die möglichen Hilfen und ihre Bedeutung im Rahmen des Jugendstrafverfahrens sowie die Anforderungen an eine Hilfeplanung dargestellt werden. Im Anschluss wird es darum gehen, die Unterschiede in der Praxis aufzuzeigen sowie Vor- und Nachteile der verschiedenen Modelle herauszuarbeiten.

AK 6 Radikalisierung als Problemfeld und als Kategorie – Betrachtungen aus sicherheitsbehördlicher und soziologischer Sicht

Referierende: Jan Steeger, stellv. Leiter des Referates V3 beim saarländischen Verfassungsschutz |  Katharina Leimbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Leibniz- Universität Hannover

Moderation: Dr. Nicole Bögelein, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Universität zu Köln

Abstract: Der Arbeitskreis widmet sich einem ambivalenten Begriff. Radikalisierung definieren McCauley und Moskalenko (2008: 415) als eine Veränderung, die Gewaltanwendung zwischen Gruppen rechtfertigt und zugleich Opfer von der Eigengruppe verlangt. Solche Prozesse sind ambivalent und können zu schweren Straftaten, sowie zur gesellschaftlichen Markierung und Ausgrenzung führen. Beidem widmet sich der Arbeitskreis.

In seinem Vortrag „Radikalisierung und Prävention –  Problemfelder, Interventions- und Präventionsansätze aus nachrichtendienstlicher Sicht“ fragt Jan Steeger, wie aus dem „netten Jungen/Mädchen von nebenan“ in kurzer Zeit ein/e gewaltorientierte/r „Gefährder/in“ wird, der/die Straftaten plant und begeht, oder sich einer terroristischen Gruppierung im In- oder Ausland anschließt. Jan Steeger fragt aus nachrichtendienstlicher Sicht, was Jugendliche und Heranwachsende so fasziniert an islamistisch-extremistischen Weltbildern und Denkweisen, dass sie sich im Ausland dem „Heiligen Krieg“ anschließen. Dabei stellt er die extremistischen Phänomene mit der größten Anziehungskraft, den „klassischen“ Radikalisierungsverlauf sowie den steigenden Einfluss Sozialer Medien dar. Jan Steeger plädiert für eine interdisziplinäre Präventionsstrategie.

Katharina Leimbach betrachtet unter dem Titel „Radikalisierung – empirische Einsichten in eine gesellschaftliche Kategorie“, dass innerhalb der bestehenden Präventions- und Interventionsmaßnahmen ein wechselseitiges Aushandeln zwischen Durchführenden und Adressat*innen stattfindet. Die Beteiligten formen dabei Radikalisierung auf bestimmte Weise zur sozialen Kategorie. Das Thematisieren von Radikalisierung ist nicht nur in fachbezogenen kriminalpolitischen Debatten virulent, sondern hat sich auch als soziales Problem in die öffentliche Wahrnehmung eingeschrieben. Auf Basis von im BMBF-geförderten Verbundprojekt „Radikalisierung im digitalen Zeitalter“ geführten und analysierten Interviews mit Durchführenden und Adressat*innen des islamistischen und rechtsextremistischen Milieus arbeitet sie heraus, wie um die Kategorie „Radikalisierung“ operiert wird und wie daraus spezifische Fremd- und Selbstbilder entstehen.

AK 7 Vorurteilsreflektiertes Handeln in Beruf und Alltag

Referentin: Ann-Sofie Susen, Projektleitung, Stiftung SPI Geschäftsbereich Lebenslagen, Vielfalt & Stadtentwicklung

Moderation: Daniela Schneider, Stiftung SPI

Abstract: Menschen beurteilen ihr Gegenüber in Sekundenschnelle, unterscheiden zwischen Bekanntem und Unbekanntem und knüpfen daran ihre Einordnung, Wertung und ihr Gefühl. Vorurteile haben in sozialen Interaktionen eine wichtige Funktion, sie geben Orientierung und Halt. Darüber hinaus können sie aber auch gruppenstabilisierend und identitätsstiftend wirken, Eigen- und Fremdbilder verfestigen und gesellschaftliche Machtverhältnisse legitimieren.

Vorurteile speisen sich aus vielen Quellen: aus Wahrnehmungen, Erfahrungen, Wissen, Informationen, Glaubenssätzen, Sprache, Narrativen, Mythen, Bildern, Sozialisation, Weltanschauungen u.a.m. Sie basieren häufig auf kollektiv geteilten Annahmen, sind also immer auch gesellschaftlich verankert, stellen auf der einen Seite Zusammenhalt her und führen gleichzeitig zu sachwidrigen Ungleichbehandlungen und Ausgrenzungen.

Im Arbeitskreis sollen Vorurteile in ihrer Ambivalenz betrachtet und reflektiert und daran geknüpftes Verhalten vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und Kontexte diskutiert werden. Neben einem fachlichen Impuls stehen Interaktionen und der gemeinsame Austausch im Vordergrund.

Ziel ist es, Vorurteile anzuerkennen, zu hinterfragen und als Lernfeld zu begreifen, auf dem wir jeden Tag besser werden können, um zu einer diskriminierungsarmen, chancengerechten und  inklusiven Gesellschaft beizutragen. 

AK 8 Veränderungen im Umgang mit Zeugen – Opferschutz vs. Aussagequalität

Referierende: Bettina Zietlow, KFN Hannover

Moderation: Maxi Wantzen, Staatsanwaltschaft Itzehoe – Dezernat für Jugendsachen

Abstract: Mit dem Gesetz zur Stärkung der Opferrechte im Strafverfahren vom 3.12.2015 und dem Gesetz zur effektiveren und praxistauglicheren Ausgestaltung des Strafverfahrens vom 17.08.2017 erfolgten verschiedene Änderungen im Strafprozessrecht, die die Rechte von Verletzen weiter ausgebaut haben und sich damit auch auf die Situation kindlicher und jugendlicher Zeugen im Ermittlungs- und Strafverfahren auswirken.

Zum einen ist der Anwendungsbereich der video-dokumentierten Vernehmung im Ermittlungsverfahren ausgeweitet worden. Damit einhergehend sind auch die Möglichkeiten der Ersetzung der Vernehmung eines Zeugen durch die zuvor erfolgte video-dokumentierte Vernehmung vergrößert worden. Zum anderen sind die Regelungen zum Ausschluss des Angeklagten und der Öffentlichkeit bei Zeugenvernehmungen neu gefasst worden. Schließlich wurde die psychosoziale Prozessbegleitung als ein Recht auf Beistand für den Verletzten und ein korrespondierendes Anwesenheitsrecht des psychologischen Prozessbegleiters bei Vernehmungen im Ermittlungsverfahren und während der Hauptverhandlung eingeführt.

In diesem Arbeitskreis sollen die aktuellen Entwicklungen kritisch betrachtet werden. Hinterfragt werden soll, ob die Maßnahmen tatsächlich geeignet sind, die angestrebten Ziele des Opferschutzes, aber auch der Verbesserung der Aussagequalität zu erreichen. Dabei sollen zur Frage der praktischen Umsetzung auch technische und räumliche Gegebenheiten wie Vernehmungszimmer und Übertragungstechnik in den Blick genommen werden.

Der Gedanke, Opferzeugen im Rahmen eines Verfahrens möglichst nur noch einmal umfassend und gut dokumentiert (richterlich) zu vernehmen, erfordert von den Befragenden ein hohes Maß an kommunikativer Kompetenz. Thematisiert werden sollen daher zudem der Stand und die Möglichkeiten in der Aus- und Fortbildung der beteiligten Personen.

AK 9 Mehrfach belastete und mehrfach auffällige Kinder und Jugendliche

Referierende: Patrick Zobrist, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit | Prof. Dr. Menno Baumann, Fliedner Fachhochschule Düsseldorf

Moderation: Werner Possinger, Institut für Kriminalpädagogik Würzburg

Abstracts: Die Blickrichtung ändert sich: Konnte das Helfersystem bis zum Eintritt der „Nullerjahre“ des 21. Jh. noch unisono auf die „mehrfach belastete, mehrfach auffällige, multiproblematische“, Klientel blicken und das sozialarbeiterische Ethos in der Entwicklung von Methoden und Hilfemassnahmen für „besonders herausfordernde“ Kinder und Jugendliche entdecken, beginnt sich mit den 2010er auch unter der soziologisch interessierenden Fragestellung „Was machen wir bloß mit denen?“ eine Entwicklung zu entfalten, die unter Zuhilfenahme von nicht weniger martialischen

Klient_innenbezeichnungen wie „Systemsprenger“ oder „schwier(ig)ste (!) Kinder und Jugendliche“ auch und vor allem das System und deren helfende Akteure in den Fokus nimmt.

Die beiden Referenten stellen sich nun gerade dieser Aufgabe, diese Entwicklung fachgerecht zu analysieren und die „Arbeitsbeziehungen mit mehrfach belasteten und auffälligen Jugendlichen“ einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Dazu gehören nicht nur empirische Befunde zu pädagogischen Arbeitsbeziehungen in Zwangskontexten ebenso wie diverse Konzepte zur Beziehungsgestaltung mit dieser Gruppe, sondern gerade auch Unfähigkeiten, Grenzen und Überforderungen der Helfersysteme.

So schauen wir mit einem „Entwicklungsblick“: Wir reden nicht von Kindern mit schweren Störungen, sondern von Kindern, die Teil unserer Gesellschaft sind und der Logik von gesellschaftlichen, biografischen und situativen Rahmenbedingungen folgen. Wir stellen die Frage: Wie gehen pädagogische und justiziale Systeme mit Affekten um? und reflektieren auf die besondere Bedeutung von Loyalitätskonflikten als Beziehungs-Randbedingung dieser sozialen Arbeit.

AK 10 Stadt, Land, Fluss: Wie baue ich mir eine Kooperationslandkarte?

Referentin: Konstanze Fritsch, Stiftung SPI | N.N.

Moderation: Daniela Adams, Dipl.-Sozialädagogin/-arbeiterin, systemische Beraterin, Landratsamt Potsdam–Mittelmark

Abstract: Die Zusammenarbeit von verschiedenen Ressorts wird themenübergreifend gefordert und vielfach von ihnen praktiziert. Die Kooperationsformen reichen dabei von einmalig und spontan bis hin zu dauerhaft und regelmäßig. Unter dem Sammelbegriff der Kooperation entsteht häufig eine Handlungsvielfalt, in der jede*r alles tut, was sich richtig anfühlt. Der Arbeitskreis setzt sich mit den konkreten Zielen von Kooperationen und deren Nutzen auseinander. Welche Fragen und welches Vorgehen verlangen vorhergehende Überlegungen und Abstimmungen zwischen den potentiellen Partner*innen im Strafverfahren?

Welche Ressourcen kann ich für definierte Bereiche oder einzelne Vorhaben bündeln? Welches Eigeninteresse haben die einzelnen Berufsgruppen, was ist Erfolg? Wie kann zusammen gearbeitet werden, ohne, dass die beruflichen Profile verschwimmen? Welche Zielsetzungen können gemeinsam erreicht werden und wie setze ich das konkret um? Wo gibt es Grenzen? Ziel des Arbeitskreises ist es, Anregungen für die praktische Arbeit zu entwickeln, die im Alltag anwendbar sind

 

AK 11 Sicher ist sicher? Sozialarbeiterische Fachlichkeit und Beziehungsgestaltung unter Druck?

Referierende: Prof. Dr. Michael Lindenberg, Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, Hamburg | Prof. Dr. Tilman Lutz, Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie, Hamburg

Moderation: Jana Winter, Diakonie Saar

Abstract: Welche Soziale Arbeit wollen wir in unserem Umgang mit straffällig gewordenen Jugendlichen? Wollen wir eine sozialpädagogische Fachlichkeit, oder sind wir auf dem Weg in eine Risikoorientierung, die weniger an der Lebenswelt, sondern vielmehr am Risk-Assessment orientiert ist? Oder geht beides, und kommt es nur darauf an, das Verhältnis zwischen Strafe / Rückfallprävention und Erziehung / Beziehung neu zu justieren?

Diese Fragen werden in der Sozialen Arbeit mit straffällig geworden Menschen immer drängender. Risiko und Sicherheit werden im Zuge der neuen Kultur der Kontrolle (Garland) insbesondere in der Straffälligenhilfe dominant. Unter den Prämissen der Sicherheit der Allgemeinheit und des Schutzes potenzieller Opfer droht nicht nur das Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle einseitig zugunsten der Kontrolle aufgelöst zu werden. Auch die für Soziale Arbeit konstitutive Gestaltung eines tragfähigen Arbeitsbündnisses – die so genannte ‚Beziehungsarbeit‘ verliert an Bedeutung.

Offensichtlich ist eine sich reflexiv verstehende Soziale Arbeit in der Praxis in die Defensive geraten. Warum ist das so? Fehlende Anschlussfähigkeit dieses geisteswissenschaftlichen Zuganges? Politische Setzungen? Schwäche der Profession? Öffentliche Meinung? Andere Gründe?

Vor dem Hintergrund dieser Fragen und Anfragen wollen wir in dem Workshop zum einen die Logik bzw. Rationalität der Sicherheits- und Risikoorientierung grundsätzlich beleuchten, etwa die mit der Deutung von sozialen Konflikten als Risiken verbundenen Handlungsaufforderungen und Bearbeitungsweisen. Welche Konsequenzen zeigen sich in der Sozialen Arbeit mit Straffälligen? Welches Verständnis von Fachlichkeit steht dahinter? Dabei geht es auch um die eigenen Verstrickungen im Risikodiskurs und dessen Attraktivität in der Praxis. Zum zweiten wollen wir konkrete Ausprägungen erörtern, mit denen Risikobearbeitung mit straffällig gewordenen Menschen ‚sozialarbeitskompatibel‘ gemacht werden soll, denn der „Risk-Need-Responsivity“ – Ansatz nimmt genau das für sich in Anspruch.

Vor allem geht es uns darum, die Erfahrungen mit der Risikoorientierung in der Praxis gemeinsam zu reflektieren: Welche Konflikte und Möglichkeiten sind damit verbunden? Welche Umgehungsweisen prägen den beruflichen Alltag? Sind Risikoeinschätzung und berufliche Beziehungsgestaltung unvereinbare Gegensätze, oder gelingt im Alltag ihr Auspendeln?

AK 12 Junge Menschen in der Bewährungshilfe

Referierende: Helmut Schwiers, Leiter der Sozialen Dienste der Justiz Bremen | Prof. Dr. Ineke Pruin, Institut für Strafrecht und Kriminologie, Universität Bern

Moderation: Ulrike Jensen, Bewährungshelferin in Offenburg

Abstract: Jugendkriminalität geht zurück, immer weniger Jugendliche und Heranwachsenden werden durch die Bewährungshilfe betreut. Dennoch sind gerade bei diesen jungen Menschen die Anforderungen an die Professionellen hoch.  Benötigen Praktikerinnen und Praktiker in der Bewährungshilfe für diese Zielgruppe andere Methoden und Betreuungskonzepte? Wie lassen sich aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in der Bewährungshilfe (zum Beispiel Risikoorientierung) auf die Arbeit mit jungen Menschen übertragen? Sind Spezialisierung oder Schwerpunktbildung eine Möglichkeit, konzentrierter als bisher den Bedürfnissen junger Menschen gerecht zu werden? Wie ist die Bewährungshilfe in Deutschland in dieser Hinsicht organisatorisch und strukturell aufgestellt? Gibt es in anderen Ländern Erfahrungen, von denen wir lernen können? Gemeinsam mit den Teilnehmern möchten wir überlegen, welche Forderungen an die Praxis zu stellen sind, damit die Resozialisierung gerade bei den ganz jungen Straftätern gelingen kann.

AK 13 Das Jugendschöffenamt

Referierende: Dr. Oliver Lennartz, Richter  | Maria Kleimann, Jugendrichterin am Amtsgericht Hannover

Moderation: Dr. Regine Drewniak, Deutsche Vereinigung ehrenamtlicher Richterinnen und Richter, Landesverband Niedersachsen/Bremen

Abstract: Das Jugendgerichtsverfahren ist mit seiner Orientierung am Erziehungsgedanken ein besonderes Verfahren. Deshalb verdienen Jugendschöffinnen und Jugendschöffen, ihre besondere Situation, ihre Rolle und ihr Kenntnisstand sehr viel größere Aufmerksamkeit, als dies bisher in Diskussionen und Forschung zum Schöffenwesen der Fall ist. Abhilfe verschafft hier die aktuelle Studie von Oliver Lennartz: Befragt wurden 731 Jugendschöffinnen und Jugendschöffen sowie 54 Berufsjugendrichterinnen und -richter. Die vergleichende Analyse von Selbst- und Fremdbildern geht schwerpunktmäßig der erzieherischen Qualifikation, der Auswahl und der Kommunikation der Jugendschöffinnen und Jugendschöffen nach. Auf der Grundlage dieser Befunde lassen sich eine Reihe von Fragen diskutieren: Wie sieht die Vorbereitungs- bzw. Fortbildungssituation aus? Wie ist der Kenntnisstand? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Berufsjugendrichterinnen und Jugendrichtern? Wie groß sind die Einflussmöglichkeiten im Jugendgerichtsverfahren?

Ausgehend von den Besonderheiten des Jugendgerichtsverfahrens und den daraus folgenden Anforderungen an die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Richterinnen und Richter wollen wir diesen Fragen aus Sicht der Forschung einerseits und der gelebten Praxis andererseits nachgehen.

Der Arbeitskreis richtet sich insbesondere an ehrenamtliche und hauptamtliche Richterinnen und Richter an den Jugendgerichten.

AK 14 Junge Geflüchtete im Strafverfahren – Herausforderungen für die Jugendhilfe?

Referierende: Bernd Holthusen, DJI| Nerea González Méndez de Vigo, Institut für Menschenrechte, Berlin

Moderation: Martin Schnütchen, Sozialpädagoge, M.A., Stadt Schwelm

Abstract: In den vergangenen Jahren Jahre hat das Thema Flucht allgemein und Delinquenz von geflüchteten Jugendlichen im Besonderen viele öffentliche und politische Diskussionen bestimmt. Im und vor Herbst 2015 dominierte noch das Bild von schutzsuchenden, hilfebedürftigen jungen Menschen und bildete die Folie für die sprichwörtliche Willkommenskultur verbunden mit überaus großem zivilgesellschaftlichen Engagement, orientiert an Grund- und Menschenrechten. Spätestens mit den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 und der folgenden öffentlichen Diskussionen setzte eine Polarisierung ein und ein anderes Bild gewann an Bedeutung. Ein Teil der Gesellschaft stilisierte geflüchtete Jugendliche – genauer: männliche muslimische Jugendliche – zur unkalkulierbaren Gefahr für die öffentliche Sicherheit, die entweder eingesperrt oder abgeschoben werden müssten.

Mittlerweile sind die aufgeregten Debatten aus den Medien weitgehend verschwunden. Nach wie vor leben aber zahlreiche begleitete und unbegleitete junge Geflüchtete in schwierigen Lebenslagen, die mit vielfältigen Risiken von Viktimisierung und Delinquenz verbunden sind. Welche Herausforderungen stellen sich hier für die Jugendhilfe im Strafverfahren und die ambulanten sozialpädagogischen Angebote, welche Erfahrungen wurden zwischenzeitlich gemacht?

Im Arbeitskreis soll zunächst ein Überblick über aktuelle Daten über geflüchtete junge Menschen und deren Lebenslagen in Deutschland gegeben werden. Von zentraler Bedeutung ist aus der Sicht der Jugendlichen der aktuelle Stand ihres Asylverfahrens und damit verbunden ihre (möglicherweise negierte) „Bleibeperspektive“ und in der Folge ihr mehr oder weniger prekärer Aufenthaltsstatus.

Wenn geflüchtete junge Menschen mit Delinquenz auffällig werden, ist neben dem Jugendstrafrecht ebenso das Asyl- und Aufenthaltsrecht von höchster Relevanz, nicht nur weil damit eine zweite „Bestrafung“ droht, sondern insbesondere auch weil hieraus problematische soziale Situationen und Perspektivlosigkeit entstehen und damit folgenschwere Auswirkungen auf das Leben der jungen Menschen haben.

Da es im Ausländerrecht in den letzten knapp vier Jahren über 25 gesetzliche Reformen gegeben hat  (Stichworte Familien/Elternnachzug, Duldung light, Ausbildungsduldung, Datenaustauschverbesserungsgesetz, „Geordnete Rückgesetz“ etc.), wird im Arbeitskreis in einem eigenen Input über die Entwicklungen informiert.

Nach den beiden Inputs sollen im Arbeitskreis die Erfahrungen der Teilnehmenden des Arbeitskreises aktiv eingebracht und die vor Ort sehr unterschiedlichen Situationen gemeinsam diskutiert werden. Auf dieser Basis sollen abschließend die Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe im Allgemeinen und insbesondere für die Jugendhilfe im Strafverfahren und für ambulante sozialpädagogische Angebote im Besonderen herausgearbeitet werden.

AK 15 Vermögensabschöpfung im Jugendstrafrecht

Referierender: MR Prof. Dr. Jan Schady, RiAG a. D., Kiel

Moderation: Marion Denny, Staatsanwältin, Frankfurt

Abstract: Durch das „Gesetz zur Reform der strafrechtlichen Vermögensabschöpfung“ sind die Vorschriften über den (früheren) Verfall und die Einziehung zum 1. Juli 2017 grundlegend überarbeitet worden und gelten auch für sog. „Altfälle“, allerdings ohne spezifische Vorgaben für das Jugendstrafrecht. Welche Konsequenzen dies für die Anwendung der §§ 73 ff. StGB und die korrespondierenden prozessualen Vorschriften im Jugendstrafrecht hat, darüber gehen die Meinungen in Literatur und Rechtsprechung weit auseinander und reichen von uneingeschränkter Anwendbarkeit bis zur Unvereinbarkeit mit den Grundsätzen des Jugendstrafrechts.

In diesem Arbeitskreis sollen die jugendstrafrechtsspezifischen Aspekte und Probleme der Anwendung der neuen Vorschriften zur Vermögensabschöpfung beleuchtet werden, insbesondere im Hinblick auf die Umsetzung des Erziehungsgedankens, die praxisrelevanten Fallgruppen der Wertersatzeinziehung, die praktischen Probleme in der Vollstreckung und die Rolle des Jugendgerichts in der Vollstreckung. Hierbei interessiert insbesondere, welche Erfahrungen bundesweit in der Praxis bislang gemacht wurden. Gemeinsam wollen wir die verschiedenen Aspekte im Hinblick auf eine jugendstrafrechtskonforme Anwendung der Vermögensabschöpfung diskutieren.

 

AK 16 Medienberichterstattung zu Jugendstrafverfahren im Spannungsverhältnis zum Nichtöffentlichkeitsgrundsatz

Referierende: Prof. Dr. Christian Laue | N.N.

Moderation: Berthold Sellmann, Amtsgericht Bergisch Gladbach

Abstract: Folgt in Kürze

Vorträge in Foren

V 1 „Jetzt sag doch einfach mal!“ – von günstigen und ungünstigen Befragungstechniken, den Besonderheiten unseres Gedächtnisses und der Beurteilung von Zeugenaussagen

Referentin: Mareike Schüler-Springorum, Ärztliche Direktorin, LWL-Therapiezentrum für Forensische Psychiatrie Marsberg

Abstract: 20 Jahre sind vergangen seit dem Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofes zur aussagepsychologischen Begutachtung von Zeugenaussagen. Es hat eine Trendwende stattgefunden, weg vom Aspekt der Glaubwürdigkeit, die sich auf die Persönlichkeit eines Zeugen bezieht, hin zur Glaubhaftigkeit einer Aussage bzw. der genauen Untersuchung inwieweit die Aussage eines Befragten (Kindes oder Jugendlichen) auf einem realen Erlebnis basiert oder anderweitig beeinträchtigt worden ist. Ausgehend von der Volbertschen Grundannahme „könnte dieses Kind mit seinen individuellen Voraussetzungen, unter Berücksichtigung der individuellen Tatumstände, diese Aussage tätigen, auch wenn es die jeweilige Situation nicht selber real erlebt hat“ werden gerade in streitigen Verfahren die Entstehungsgeschichte der Aussage, ihre Qualität und ihre Konstanz akribisch beurteilt. Hier kommt dem aussagepsychologischen Sachverständigen nicht selten die Funktion eines „Zündleins an der Waage“ zu. Dieser kann jedoch auch nur dann eine valide Aussage treffen, wenn im Vorfeld alle Beteiligten ihr Bestes geben, eine, wenn auch unbewusste Beeinflussung des Zeugen zu vermeiden.

Im vorliegenden Vortrag sollen nicht nur auf günstige und ungünstige Befragungstechniken, sei es in polizeilichen Vernehmungen, im Strafprozess oder auch in der Beratung und Betreuung von Opferzeugen (pädagogische Mitarbeiter in Jugendhilfe, Jugendamt, Schulen etc.) eingegangen werden, sondern auch ein Überblick über die aktuelle Gedächtnisforschung, gerade auch im Hinblick auf die „Face-Memory-Problematik“ gegeben werden.

V 2 Zusammenhänge zwischen Entwicklungstraumata und Gewaltstraftaten

Referierender: Prof. Dr. phil. Johannes Lohner, Hochschule Landshut

Abstract: In den Lebensläufen von Gewalt- und Sexualstraftätern finden sich immer wieder zahlreiche und sehr schwerwiegende Formen von Traumatisierungen. Dabei handelt es sich typischer Weise um Bindungstraumata. Diese Beobachtung lässt sich nicht als zufällige Koinzidenz interpretieren, sondern deutet auf einen Zusammenhang zwischen den Erlebnissen in der eigenen Kindheit und späterer Gewaltdelinquenz hin.

Im Vortrag wird zunächst auf traumatische Wirkmechanismen eingegangen und wie diese die Entwicklung der Straftäter beeinflussen. Dadurch lassen sich Unterschiede zwischen „normaler“ und dissozialer Persönlichkeitsentwicklung erklären. Diese Unterschiede betreffen typischer Weise die Wahrnehmung, die Emotionsverarbeitung, das Denken, die Beziehungsgestaltung und das Verhalten generell. Außerdem wird der „Sinn“ einer Gewalttat für einen Menschen betrachtet, der ein Trauma erlitten hat.

Der Vortrag versucht Gründe für den Zusammenhang zwischen Entwicklungstraumata und Gewaltstraftaten aufzuzeigen und stellt Überlegungen zu einer juristischen Würdigung dieser Traumata an, bspw. im Rahmen einer Verhandlung und gibt Hinweise zu einer Behandlung der Täter unter dem o.g. Gesichtspunkt.

V 3 SGB VIII-Reform: inklusiv, sozialräumlich, modern? Ein Blick hinter schillernde Begriffe

Referent: Dr. Thomas Meysen, SOCLES International Centre for Socio-Legal Studies, Heidelberg

Abstract: Die 19. Legislaturperiode ist geprägt von einem breiten Beteiligungsprozess zur Vorbereitung einer Reform des Kinder- und Jugendhilferechts. Die sog. „inklusive Lösung“, also ein SGB VIII für alle Kinder und Jugendliche, steht im Zentrum der Debatten und Reformüberlegungen. Die Umsetzung einer Gesamtzuständigkeit auch für junge Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung berührt den Wesenskern der Kinder- und Jugendhilfe in unterschiedlicher Weise. Der Vortrag schaut hinter die politischen Botschaften und Ziele, beleuchtet einige der vielfältigen Aspekte, die der Reformprozess rechts und links des Weges mit aufgesammelt hat, so etwa die Zusammenarbeit mit Jugend- und Familiengerichtsbarkeit, die Stärkung niedrigschwelliger, sozialräumlicher Angebote, politische Reaktionen auf fehlgeschlagene Kinderschutzverläufe. – Die gesetzgeberischen Prozesse dauern an, wenn der Jugendgerichtstag stattfindet: ein guter Zeitpunkt für ein Update zu den aktuellen Entwicklungen.

V 4 Die Umsetzung der EU-Richtlinie 2016/800 über Verfahrensgarantien in Strafverfahren für Kinder, die Verdächtige oder beschuldigte Personen in Strafverfahren sind

Referent: Dr. Michael Sommerfeld, Regierungsdirektor, Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, Oberstaatsanwalt a.D.

Abstract: Der deutsche Gesetzgeber hat sich mit der Umsetzung der verbindlichen Vorgaben der EU-Richtlinie 2016/800 über Verfahrensgarantien in Strafverfahren für Kinder (= Personen im Alter von unter 18 Jahren), die Verdächtige oder beschuldigte Personen in Strafverfahren sind, Zeit gelassen.

Erst am 12.Juni 2019 – und damit nach Ablauf der dreijährigen Umsetzungsfrist – hat die Bundesregierung den „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Verfahrensrechte von Beschuldigten im Jugendstrafverfahren“ (BR-Drucks. 368/19) und den „Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung des Rechts der notwendigen Verteidigung“ (vgl. BR-Drucks. 364/19) vorgelegt. Mit einem zügigen Abschluss des Gesetzgebungsverfahrens darf gerechnet werden.

Damit verbunden sind vielerlei, zum Teil deutlich bemerkbare und komplexe Änderungen des Jugendstrafverfahrensrechts.

Der Vortrag gibt einen Überblick über die erfolgten Änderungen zum Beispiel bei den Informationspflichten, der Beteiligung der Erziehungsberechtigten und gesetzlichen Vertreter sowie insbesondere bei der Mitwirkung der Jugendgerichtshilfe und bei der notwendigen Verteidigung.

V 5 Kriminalität, Medien und Kriminalpolitik

Referentin: Prof. Dr. Kirstin Drenkhahn, Freie Universität Berlin

Abstract: Wenn wir über die Haltung der Öffentlichkeit zu Kriminalität und über den Umgang mit Kriminalität sprechen, spielen die Medien als Vermittler von Informationen eine überragende Rolle. Je nach dem eigenen Standpunkt in der Debatte wird den Medien vorgeworfen, Einzelfälle durch Skandalisierung zu überhöhen und feindselige Stimmungen zu schüren oder wichtige Informationen zu verheimlichen und uns so über das wahre Ausmaß und die wahren Schuldigen im Unklaren zu lassen. Auch in der kriminologischen Literatur zur Bedeutung von Strafe in einer Gesellschaft spielen die Medien eine wichtige Rolle, und zwar vor allem in Form der Boulevardpresse, die als Scharfmacherin eine repressive Kriminalpolitik befördern soll.

Versucht man, sich dem Problem empirisch zu nähern, wird alles viel weniger klar. Das beginnt bei der Frage, welche Medien und welche Medieninhalte denn eigentlich gemeint sind. Hinzukommt, dass die Bevölkerung, die Politik und die Medien jeweils keine erratischen Blöcke sind, zwischen denen einfache Wenn-Dann-Beziehungen bestehen. In diesem Vortrag wird daher ein Überblick über die Forschung über die Verarbeitung von Kriminalität in den Medien und Kriminalpolitik gegeben.

V 6 Jugendsexualität vor dem Strafrichter? – Ausgewählte Ergebnisse einer Aktenanalyse zu Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern mit ‚alten‘ Opfern und jungen Tätern

Referent: Kevin Franzke, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Kriminologisches Seminar, Universität Bonn

Abstract: Schon seit Jahren ist aus der polizeilichen Kriminalstatistik bekannt, dass Jugendliche als Beschuldigte des sexuellen Missbrauchs von Kindern stark überrepräsentiert sind. Nachbarländer wie Österreich und die Schweiz haben das Problem der Jugendsexualität mit einer „Alterstoleranzklausel“ zu lösen versucht. Dies sowie der der Fall „Marco W.“, der im Jahr 2007 auch in Deutschland für Aufsehen gesorgt hat, legen die These nahe, dass von §§ 176 ff. StGB nicht mehr nur evident entwicklungsschädliche Sexualkontakte erfasst werden, sondern auch „Jugendlieben“ Gefahr laufen, zum Gegenstand eines Strafverfahrens zu werden.

In dem Vortrag werden ausgewählte Ergebnisse einer in sieben Bundesländern durchgeführten Analyse staatsanwaltschaftlicher Verfahrensakten von solchen Fällen sexuellen Missbrauchs von Kindern präsentiert, in denen das Opfer zum Tatzeitpunkt mindestens elf Jahre alt und der Beschuldigte Jugendlicher oder Heranwachsender im Sinne des Jugendgerichtsgesetzes war. Dabei soll insbesondere den Fragen nachgegangen werden, in welchem quantitativen Umfang einvernehmliche Sexualkontakte unter jungen Menschen strafrechtlich verfolgt werden, wie sie zur Kenntnis der Strafverfolgungsbehörden gelangen und wie diese die Verfahren erledigen. Die aus der Aktenanalyse gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass Reformbedarf bei den Kinderschutztatbeständen im 13. Abschnitt des Strafgesetzbuches besteht.

V 7 Selbstbilder, Fremdbilder, Zerrbilder – Antworten der Sinus Jugendstudie 2020

Referentin: Christine Uhlmann, Leiterin SINUS:akademie

Abstract: Was bewegt Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren? Wie denken, fühlen und lernen junge Menschen heute, wie gestalten sie ihren Alltag, wo finden sie Sinn, Chancen und Anerkennung? Wie blicken sie auf die aktuellen politischen Themen und wie erleben sie Zukunftsplanung und Berufswahl? Antworten auf all diese Fragen gibt die neue Sinus Jugendstudie 2020.

Das SINUS-Institut erforscht seit vielen Jahren jugendliche Lebenswelten. Daraus hervorgegangen ist unter anderem die viel beachtete Reihe „Wie ticken Jugendliche?“ (2008, 2012, 2016, 2020). Sie fängt die große soziokulturelle Unterschiedlichkeit von Jugend ein, die für entwickelte und hoch individualisierte Gesellschaften typisch geworden ist und verdichtet sie modellhaft. Wie in den anderen Sinus-Milieumodellen gruppiert dieser Ansatz Jugendliche, die sich in ihren Werten, ihrer grundsätzlichen Lebenseinstellung und Lebensweise sowie in ihrer sozialen Lage ähnlich sind.

Zahlreiche Original-Zitate und kreative Selbstzeugnisse der Befragten sowie Fotos ihrer Wohnwelten gewähren anschauliche Einblicke in den Lebensalltag, den Wertehorizont und die Alltagsästhetik der verschiedenen jugendlichen Lebenswelten.

Der interaktive Vortrag versteht es, nicht nur in die Lebenswelten Jugendlicher einzutauchen und deren Selbstbilder herauszuarbeiten, sondern auch immer wieder eigene Fremdbilder zu hinterfragen und Zerrbilder der jungen Generation geradezurücken

V 8 Aktuelle Rechtsprechung zum Jugendstrafrecht

Referent: Prof. Dr. Christian Laue

Abstract: Folgt in Kürze

V 9 Kognitive Reifung im Kindes- und Jugendalter – Welche Faktoren können die Reifung beeinträchtigen?

Referentin: Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gertraud Teuchert-Noodt, Neurobiologin, ehem. Leitung der Neuroanatomie an der Universität Bielefeld

Abstract: Folgt in Kürze

V 10 Die Vermögensabschöpfung im Jugendstrafverfahren - Entwicklungslinien, Diskussionsstand und Perspektiven

Referent: Andreas Guido Spahn, Richter am Amtsgericht, Rudolstadt

Abstract: Durch das Gesetz zur Reform der strafrechtlichen Vermögensabschöpfung vom 13.04.2017, das am 01.01.2017 in Kraft getreten ist, sollte unter dem plakativen Leitmotiv „Kriminalität darf sich nicht lohnen“ die strafrechtliche Vermögensabschöpfung als Instrument der Kriminalitätsbekämpfung gestärkt werden. Danach haben die Gerichte grundsätzlich die Abschöpfung der Erträge aus Vermögens-, Eigentums- oder Betäubungsmitteldelikten anzuordnen. Einzuziehen ist alles, was der Täter oder Teilnehmer „durch“ oder „für“ die rechtswidrige Tat erlangt hat. Kann der ursprüngliche Tatertrag (= Tatbeute oder Tatlohn) nicht gegenständlich eingezogen werden, weil er bei dem Täter oder Teilnehmer nicht mehr vorhanden ist, ordnet das Gericht die Einziehung des Wertes des Tatertrages an. Die strafrechtliche Vermögensabschöpfung ist zwingendes Recht. Liegen ihre tatbestandlichen Voraussetzungen vor, muß das Gericht regelmäßig die Einziehung des Tatertrages oder dessen Wertes anordnen. (Wertersatz-)Einziehungsanordnungen werden durch zwangsweise Beitreibung vollstreckt.

Die Vereinbarkeit dieser Reform mit den Zielen des Jugendstrafrechts wurde im Gesetzgebungsverfahren nicht erörtert. In Rechtsprechung und Schrifttum ist es daher lebhaft umstritten, ob die Einziehung des Wertes des Tatertrages auch im Jugendstrafrecht in den Fällen, welche in der Rechtspraxis, die bundesweit vollkommen uneinheitlich und teilweise willkürlich verfährt, von überragender Bedeutung sind, Anwendung findet, in denen der Jugendliche oder Heranwachsende den Gegenwert (= Gewinn oder Entgelt) nicht mehr in seinem Vermögen hat. Dagegen spricht die Vorgabe in § 15 Abs. 2 Nr. 2 JGG und grundsätzlich die Unvereinbarkeit mit der Systematik des Jugendstrafrechts, weil finanzielle Auswirkungen im Sinne einer Geldstrafe mit Vergeltungscharakter dem gemäß § 2 Abs. 1 Satz 2 JGG vorrangigen Erziehungsgedanken zuwiderlaufen. Der 1. Strafsenat des Bundesgerichtshofes, der angesichts des Wegfalls der Härteklausel des § 73c StGB aF und der Verlagerung der Berücksichtigung der finanziellen Situation des Täters in das Vollstreckungsverfahren eine Neubewertung der Anordnung der Einziehung im jugendgerichtlichen Verfahren vornehmen und die Einziehungsentscheidung im Jugendstrafrecht dem Ermessen des Tatrichters überantworten will (§ 8 Abs. 3 Satz 1 JGG), hat die Problematik unterdessen zum Gegenstand eines Anfrageverfahrens gemäß § 132 Abs. 3 Satz 1 GVG gemacht. Auch der Ruf nach dem Gesetzgeber ist in der Literatur, die die Neuregelung der Vermögensabschöpfung schon als „feindliche Übernahme des Jugendstrafrechts durch das allgemeine Strafrecht“ gegeißelt hat, bereits wiederholt erschallt.

Der Forenvortrag soll über den aktuellen Diskussionsstand informieren und Auswege aus dem entstandenen Dilemma aufzeigen.

V 11 Das Selbstverständnis von Journalisten

Referent: Dr. Marco Bertolaso, Leitender Nachrichtenredakteur und Journalist im Deutschlandfunk

Abstract: Der Journalismus steckt mitten in einem massiven Umbruch. Die Digitalisierung hat bei Produktion, Nutzung und Geschäftsmodellen kaum einen Stein auf dem anderen gelassen. Internet und soziale Medien bringen ungeahnte Möglichkeiten der Recherche und der Kommunikation, mit manchen Risiken und Nebenwirkungen. Sie stellen die Rolle der Massenmedien in Frage. Große Digitalkonzerne sind in kurzer Zeit zu ungekannter publizistischer Macht gekommen, zu Reichtum und politischem Einfluss.

Heute verändert sich in Redaktionen in ein paar Wochen mehr als früher in einem Jahrzehnt. Hinzu kommt eine neue Infragestellung klassischer Medien zum Beispiel als Mainstream-Media oder Lügenpresse. Wie gehen Journalistinnen und Journalisten damit um? Welche Bedeutung hat das klassische journalistische Handwerk in dieser Zeit des Wandels? Welche weiteren Veränderungen zeichnen sich am Horizonte ab? Mit diesen und anderen Fragen will sich Marco Bertolaso, der Nachrichtenchef des Deutschlandfunks, in seinem Vortrag auseinandersetzen. Über diese und andere Fragen möchte er mit Ihnen sprechen.

V 12 Predictive Policing, Künstliche Intelligenz und soziale Kontrolle

Referent: Prof. Dr. Tobias Singelnstein, Universität Bochum

Abstract: „Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität“. Mit dieser viel zitierten Feststellung hat der Informatiker und Stanford-Professor Andrew Ng die prägende Rolle künstlicher Intelligenz (kurz: KI) auf den Punkt gebracht. Ebenso wie die Elektrizität im 19. und 20. Jahrhundert ist auch KI eine Technologie, die in praktisch allen Lebensbereichen Einzug halten und diese mehr oder weniger grundlegend verändern wird. Abweichendes Verhalten, Kriminalität und soziale Kontrolle machen hier keine Ausnahme. Die neuen Technologien geben den Strafverfolgungsbehörden einerseits praktische Werkzeuge an die Hand, um ihre alltägliche Arbeit zu erleichtern. Sie führen andererseits aber auch zu gänzlich neuen Formen sozialer Kontrolle, die unter dem Diktum der Prävention Risiken ermitteln und managen sollen. Paradigmatisch hierfür stehen die verschiedenen Formen des Predictive Policing, die seit einigen Jahren auch in Deutschland in der Polizeiarbeit Einzug halten.

V 13 Überblick und Anmerkungen zum Jugendarrest

Referent: Dr. Anne Kaplan, TU Dortmund, Fakultät Rehabilitationswissenschaften, Fachgebiet Soziale und Emotionale Entwicklung in Rehabilitation und Pädagogik

Abstracts: Der Jugendarrest hat in den letzten Jahren einige Veränderungen erfahren. Das betrifft insbesondere die rechtlichen Regelungen, da nunmehr in fast allen Bundesländern Jugendarrestvollzugsgesetze in Kraft getreten sind. Zudem wurde im Jahre 2013 der so genannte „Warnschussarrest“ als Möglichkeit der Verhängung von Jugendarrest neben Jugendstrafe neu in das JGG eingefügt. Ferner sehen einige der neuen Jugendarrestvollzugsgesetze die Möglichkeit des Arrests in freien Formen vor. Daneben bestehen einige bekannte und hinlänglich dokumentierte Problematiken des Jugendarrests weiter fort – die mangelnde Trennung von (Jugend-)Gefängniseinrichtungen, die geringe Anzahl an eigens für den Jugendarrest qualifiziertes Personal oder die teilweise inhaltlich nicht konsistenten und an der Zielgruppe ausgerichteten Angebote, um einige Beispiele zu nennen.

In dem Vortrag soll ein Überblick über die aktuellen Entwicklungen des Jugendarrests gegeben werden. Dabei sollen nicht nur die Änderungen im Bereich der Gesetzgebung, sondern auch der Status Quo auf der konzeptionellen Ebene nachgezeichnet werden. Davon ausgehend sollen positive Bewegungen ebenso wie kritische Momente diskutiert sowie zukünftige Aufgaben des Jugendarrests herausgearbeitet werden. Ausgangspunkt dafür soll vor allem eine auf die Befähigung der jungen von Arrest betroffenen Menschen für ein selbstverantwortliches Leben in Freiheit sein.

V 14 Ambulante Suchtmassnahmen als Alternative zum geschlossenen Vollzug – ein Blick in die Schweiz

Referentin: Dr. med. Friederike Höfer, Leitende Ärztin Ambulante Forensische Therapien, Klinik für Forensische Psychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

Abstract: Abhängigkeit ist eine komplexe, somatische, psychische und soziale Erkrankung, die die Persönlichkeit des Substanzabhängigen und sein soziales Netzwerk betrifft und beschädigt. Häufig sind Abhängigkeitserkrankungen vergesellschaftet mit Traumafolgestörungen und anderen schweren psychischen Erkrankungen. Sehr häufig liegen sog. Adverse Childhood Experiences (ACE) durch Gewalt, Vernachlässigung, Verwahrlosung, Beschämung, Beschimpfung sowie chronischen Stress vor, die in Kindheit und Jugend ihren Anfang nehmen. Viele Betroffene weisen daher strukturelle Störungen auf, bei denen Ich-Funktionen, Selbstregulation und Selbstfürsorge eingeschränkt sind.

Im Forensischen Behandlungskontext wird allerdings viel von den Patienten erwartet. Dabei stehen den Betroffenen bei der Bearbeitung bisheriger dysfunktionaler Bewältigungsstrategien zunächst Fähigkeiten und Funktionen nicht mehr zur Verfügung, die bisher zur psychischen Strukturbildung gedient haben. Patienten werden mit einer Reihe von äußert „begrenzenden“ Behandlungsauflagen konfrontiert, die Medikation, Abstinenz, Wohnform, Rayonverbot, Tagesstruktur, Einschränkung der Berufstätigkeit usw. betreffen können.

Fast die Hälfte der erwachsenen Straftäter mit Abhängigkeitserkrankungen, die in der deutschen Maßregel nach § 64 StGB (Strafgesetzbuch) unterbracht ist, wird rückfällig. Daher stellt sich vor dem Hintergrund der komplexen und multifaktoriellen Genese der Problematik die Frage nach alternativen Behandlungsangeboten.

In der Schweiz werden von Suchtstoffen abhängige Delinquenten unter dem Art. 63 StGB mehrheitlich vollzugsbegleitend oder in einem ambulanten Setting behandelt. Dabei haben sich einige Rahmenbedingungen als sinnvoll erwiesen. Das hier vorgestellte Spezialangebot der ambulanten Suchtmaßnahmen der Klinik für Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ist eng mit dem dortigen Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Allgemeinpsychiatrischen Klinik vernetzt und versucht, die genannten Notwendigkeiten zu adressieren.

V 15 Intervenieren bevor etwas passiert – zu Vorverlagerungstendenzen im Jugendstrafrecht

Referent: Prof. Dr. Jens Puschke LL.M., Universität Marburg

Abstract: Die Vorfeldkriminalisierung hat im Strafrecht Konjunktur. Dies zeigt sich in der Vorverlagerung der Strafbarkeit bestehender oder der Schaffung neuer Straftatbestände, bei denen das Strafrecht weit vor der eigentlichen Rechtsgutsverletzung ansetzt und bereits eine irgendwie geartete Rechtsgutsgefährdung als Anlass für Strafe ausreichen lässt. Vorzufinden ist dieses Phänomen etwa beim strafrechtlichen Umgang mit Terrorismus, sog. Cybercrime, Gewalt oder hinsichtlich gruppenbezogenen Verhaltens. Diese Entwicklung schlägt sich speziell auch gegenüber Verhaltensweisen von Jugendlichen und Heranwachsenden nieder. Sie werden vermehrt zu möglichen Adressaten der Vorfeldstrafnormen eines sich etablierenden Sicherheitsstrafrechts, das Gefahren „bekämpfen“ soll, bevor es zu einer Schädigung kommt. Durch die voranschreitende Ausdehnung des Strafrechts und die zunehmende Einbeziehung jugendtypischer Verhaltensweisen ist zu erwarten, dass sich besonders in der Praxis der Druck erhöht, auch das Strafrecht zur Anwendung zu bringen, wenn es um den Umgang mit als gefährlich beurteilten Jugendlichen und Heranwachsenden geht. Aus wissenschaftlicher Perspektive ist daher zu analysieren, inwiefern sich allgemeine strafrechtliche Vorverlagerungstendenzen auf das Jugendstrafrecht und seine Spezifika auswirken und welche möglichen Risiken zu beachten sind.

V 16 Datenschutz gleich Täterschutz ... oder? Zur Notwendigkeit sowie zu den Einzelheiten der Schweigepflicht und des Sozialdatenschutzes in der Jugendhilfe

Referent: Prof. Dr. Klaus Riekenbrauk

Abstract: Die in der öffentlichen Debatte über eine schärfere Kriminalpolitik häufig verwendete Phrase, Datenschutz sei gleich Täterschutz, suggeriert, dass der Schutz persönlicher Daten die erfolgreiche Abwehr und Aufklärung von Straftaten behindere und die Ermittlung des Täters erschwere. Unterschlagen wird dabei, dass Datenschutz unverzichtbare Grund- und Freiheitsrechte sichert und keineswegs eine Währung ist, mit der man Sicherheit kaufen kann.

Spätestens mit dem wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 1983 ist anerkannt, dass es ein verfassungsrechtlich geschütztes Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen gibt. Es bildet die Basis jeden Datenschutzes, dem auch und gerade im Respekt vor den Rechten von Klienten Geltung zukommt, auch wenn diese Straftaten begangen haben.

Gesetzlich realisiert werden die Datenschutzziele zum einen durch die Inpflichtnahme von Einzelnen nach § 203 StGB, wonach anvertraute und im Zusammenhang mit der Berufsausübung sonst bekannt gewordene Geheimnisse nicht ohne Befugnis offenbart werden dürfen. Diese individuelle Schweigepflicht verlängert sich in ein Zeugnisverweigerungsrecht, das in Zivilrechtsverfahren und in Strafverfahren unter unterschiedlichen Voraussetzungen zum Tragen kommt. Schließlich machen es die Vorschriften des Beamten- und Arbeitsrechts den in der öffentlichen Verwaltung einzelnen Beschäftigten zur Pflicht, innerbehördliche Geheimnisse zu wahren.

Neben diesen individuellen Datenschutzpflichten und -rechten soll im Weiteren der breitere Fokus auf den Sozialdatenschutz als institutionelles Postulat der Träger der Jugendhilfe gerichtet werden, die an Strafverfahren nach dem JGG mitwirken.

Schließlich gilt seit dem 25. Mai 2018 für Behörden, Vereine und Unternehmen gleichermaßen die Datenschutz-Grundverordnung der EU unmittelbar mit Neuerungen, die auch in der Jugendhilfe zu berücksichtigen sind.

V 17 Strafbedürfnisse der Bevölkerung und deren Bedeutung im Jugendstrafrecht

Referent: Dr. Stephan A. Christoph, Universität Augsburg

Abstract: Die Relevanz empirisch ermittelter „Strafbedürfnisse“ oder „Gerechtigkeitsvorstellungen“ der Allgemeinheit für kriminalpolitische und strafjustizielle Entscheidungen wird im Bereich des allgemeinen Strafrechts kontrovers diskutiert (vgl. Kaspar/Walter (Hrsg.), Strafen im Namen des Volkes?, 2019). Im vom Erziehungsgedanken dominierten Jugendstrafrecht scheint dieser Aspekt auf den ersten Blick keine Rolle zu spielen.

Schon § 2 I JGG zeigt aber, dass die Erziehung des jugendlichen Täters nicht der einzige Zweck jugendstrafrechtlicher Sanktionen ist. An verschiedenen Stellen im Gesetz finden sich Hinweise darauf, dass bei der Sanktionierung Jugendlicher und Heranwachsender auch Aspekte der positiven Generalprävention, also der Wiederherstellung des Rechtsfriedens, Berücksichtigung finden können.

So sieht § 17 II JGG vor, dass die Jugendstrafe auch wegen der „Schwere der Schuld“ verhängt werden kann. Dabei soll es nach h. M. nicht allein auf die erzieherische Wirksamkeit, sondern auch auf die Frage ankommen, ob ein Verzicht auf Jugendstrafe das Gerechtigkeitsgefühl der Allgemeinheit erschüttern würde – was zumindest terminologisch der positiven Generalprävention zuzuordnen ist.

Schließlich lässt sich die Diversionsvorschrift des § 45 JGG nennen, in der auf die Einstellungsvorschrift des § 153 StPO verwiesen wird, die das Absehen von Strafverfolgung unter anderem an das Fehlen eines entgegenstehenden „öffentlichen Interesses“ knüpft.

Mit der positiven Generalprävention und dem öffentlichen Interesse rücken das Rechtsempfinden sowie Strafbedürfnisse der Allgemeinheit in den Fokus. Hierbei handelt es sich eigentlich um empirische Größen, die allerdings selten auf tatsächliche Erkenntnisse zu Bevölkerungseinstellungen gestützt werden, sondern deren Beurteilung maßgeblich dem Dafürhalten der Gerichte anheimgestellt wird. Der vorliegende Beitrag möchte sich mit der Frage befassen, welche Rolle Strafbedürfnisse der Bevölkerung bei der Anwendung des JGG spielen und wie die empirische Forschung für die Ermittlung entsprechender Sanktionseinstellungen nutzbar gemacht werden kann.

V 18 Jugendgerichtshilfe als Anwalt der Jugend – der jungen Täter und Opfer?

Referent: Prof. Dr. Arthur Hartmann, Hochschule für Öffentliche Verwaltung, Bremen

Abstract: Jugend und Adoleszenz sind Lebensphasen, in denen sich Menschen stürmisch entwickeln und große Umbrüche erleben, aber auch bewältigen müssen. Gegründet auf das Fundament zahlreicher Untersuchungen und Studien und vermittelt durch vielfältige Schriften, Stellungnahmen und Diskussionen nicht zuletzt im Rahmen der DVJJ hat sich die Erkenntnis Bahn gebrochen, dass sozial abweichendes Verhalten – Kriminalität eingeschlossen – in den gennannten Lebensphasen gewissermaßen „normal“ und Zeichen einer „gesunden“ Entwicklung ist und zumeist passager verläuft, also mit zunehmender Festigung der Persönlichkeit und der Lebensumstände häufig von selbst verschwindet. Dieser Prozess kann durch sinnvolle Unterstützung gefördert, aber durch unangemessene Reaktionen der Gesellschaft und Justiz gestört werden. Dies generell und im Einzelfall immer wieder in Erinnerung zu rufen gehört zu den nobelsten Aufgaben der Jugendgerichtshilfe und ist in ihrem Selbstverständnis tief verankert.

Schon seit längerer Zeit wird diese Perspektive durch die Erkenntnis gestört, dass Kriminalität in vielen Fällen Opfer zurücklässt. Die Anerkennung der Posttraumatischen Belastungsstörung als psychische Erkrankung hat seit den 1980er eine umfangreiche Forschung befördert, und gezeigt, dass erlittene schwere Straftaten zu den wichtigsten Ursachen dieser Erkrankung gehören. Damit sei hier nur einer unter mehreren bedeutsamen Faktoren der „Renaissance“ der Opfer genannt.

Die wachsende Bedeutung der Verletzten im Strafprozess, die durch die nationale und europäische Gesetzgebung vorangetrieben wird, beruht freilich nicht in erster Linie auf Initiativen und Forderungen der Akteure*innen der Strafjustiz und Jugendgerichtshilfe. Hier steht jedenfalls in den veröffentlichten Stellungnahmen die Kritik im Vordergrund.

Vor diesem Hintergrund sollen Befunde der Viktimologie und insbesondere zur Viktimisierung im Jugendalter und der Adoleszenz vorgestellt und den Fragen nachgegangen werden, wessen Anwalt die Jugendgerichtshilfe sein soll, ob kriminelle Karrieren evt. zugleich Opferkarrieren sind, ob die Entwicklung zweier – eher unverbundener – Hilfesysteme – Opferhilfe und Straffälligenhilfe – weiter gefördert, korrigiert oder ergänzt werden sollte.

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Für die Buchung nutzen Sie bitte den folgenden Link: https://www.bonn-region.de/events/jugendgerichtstag-2020.html

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